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Warum die integrierte Energiewende in Deutschland nicht vorwärts kommt

Statt Visionen, Mut und der Vorgabe einer klaren Marschrichtung in die Zukunft konserviert die deutsche Klima-, Verkehrs- und Energiepolitik den Status Quo. Mit fatalen Folgen.

Das Who is Who aus über 900 Branchenexperten rieb sich zum Kongressbeginn der Energie- und Verkehrswende verdutzt die Augen. Statt Jamaika die zentralen Zukunftsthemen ins Aufgabenheft der kommenden Legislaturperiode zu diktieren, blieb an diesem Montagmorgen nur die Hoffnung auf eine sich rasch abzeichnende, verbindliche politische Perspektive. Denn gerade Märkte die sich in einem grundlegenden Transformationsprozess befinden, brauchen stabile Rahmenbedingungen. Doch Berlin liefert nicht, schon in der großen Koalition herrschte ein Zustand vor der von Lobbypolitik und Zaghaftigkeit geprägt war.

Agenda für die integrierte Energiewende

Das hatte sich Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur dena, sicher anders vorgestellt. In der Nacht vor dem Kongress »Agenda für die integrierte Energiewende« hatte sich die FDP überraschend aus den Koalitionsverhandlungen für die erste Jamaika-Koalition zurückgezogen. Damit war nichts mehr wie es war, das mit allen demokratischen Parteien besetzte Politik-Panel hatte sich nach den Ereignissen in der Nacht zuvor noch nicht sortiert, wie auch. Es herrschte breite Katerstimmung. Kuhlmann analysierte klar: „In den Verhandlungen waren zu wenige der zentralen Themen auf dem Tisch. Dabei verfehlen wir unser eigentliches gesellschaftliches Ziel, nämlich Kohlendioxid einzusparen“, so der dena-Chef.

Visionsbefreit und willenlos – deutsche Energiepolitik braucht einen Neustart

Dieser politische Hangover ist, Jamaika hin oder her, nicht das Ergebnis gescheiterter Koalitionsverhandlungen, vielmehr ist er eine Zustandsbeschreibung der deutschen Energiewendepolitik. Und damit wären wir beim Kern des Problems: Die integrierte Energiewende, also die Dekarbonisierung des Strom-, Wärme- und Verkehrssektors, ist ein globales Mammutprojekt, das gelingen muss. Denn angesichts des fortschreitenden Klimawandels ist Scheitern keine Option. Für das Gelingen hierzulande brauchen wir eine florierende deutsche Energiewendewirtschaft, und die braucht klare Ansagen. Ohne verbindliche, übergeordnete Zielvorgaben wird die Innovationsgeschwindigkeit mangels Anreizen auf Sparflamme gehalten, das schadet der deutschen Wirtschaft genauso, wie dem Ruf der weltweit gefeierten »German Energiewende«. Aus Klimaschutzsicht fahren wir mit dieser politischen Mutlosigkeit, leicht abgebremst, gegen die Wand.

»Die Energie- und Klimapolitik wurde in Deutschland von den Unternehmen weit überholt.« Tuomo Hatakka, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Vattenfall

Was zu tun ist, um den Klimacrash abzuwenden, ist jedoch bekannt: Wir müssen bis 2030 doppelt soviel Kohlendioxid wie bisher einsparen, wenn wir unsere Klimaziele einhalten wollen. Dafür braucht es konkrete Maßnahmen, sei es die Abschaltung von Kohlekraftwerken, die Wärmewende oder die Elektrifizierung des Verkehrs. Für den Strukturwandel hin zu einer dekarbonisierten Welt braucht es einen ökonomischen Rahmen, diesen zu setzen ist Aufgabe der Politik. Darüber waren sich im hochkarätig besetzten Panel »Integrierte Energiewende: was jetzt zu tun ist« branchenübergreifend alle einig. „Wir sind in der Wirtschaft alle viel weiter, als es die Politik ist“, brachte es Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka, auf den Punkt.

Kohlendioxid braucht einen Preis – der Emissionshandel ist erfolgsentscheidend

Doch mit ein paar Anreizen hier und einem Förderprogramm dort ist es bei weitem nicht getan. Der internationale Klimaschutz wird nicht nur durch das krampfhafte Festhalten an überholten Technologien ausgebremst, hinzu kommt ein Konstruktionsfehler der besonders schwer wiegt: Kohlendioxid hat nach wie vor keinen Preis, der weltweite Emissionshandel funktioniert nicht.  Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung machte deutlich, dass ohne ein Preis von 40-80 Euro pro Tonne CO2 bis 2020 (bzw. 50-100 Euro bis 2030) der weltweite Anstieg von Klimagasen nicht zu verhindern sei. „Knapp sind nicht die fossilen Energieträger, knapp ist unser Emissionsbudget – und die Zeit“ warnte Edenhofer eindringlich.

Um den europäischen Emissionshandel voranzubringen, seien auch nationale Initiativen gefragt. „Unter dem Strich gäbe es keine effektivere Maßnahme für den Klimaschutz, nur ein angemessener Preis für Kohlendioxid wird dessen Ausstoß wirkungsvoll begrenzen“, sagte Edenhofer. Zudem werden so klimaschonende Technologien wie die Erneuerbaren Energien noch attraktiver, ein Mindestpreis ist also die Voraussetzung für erfolgreichen Klimaschutz.

Kohleausstieg ist unabdingbar für das Erreichen deutscher Klimaziele

Elementare Fortschritte sind in dieser Hinsicht nicht zu erwarten. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des BDI, Holger Lösch, sprach sich dafür aus, diese Verantwortung am besten gleich an die G20 weiter zu delegieren. Bloß nicht selbst aktiv werden. Nichts ist dem BDI heiliger als der Status Quo, so scheint es. Mit dieser Einstellung traf er auf erheblichen Widerstand, Dr. Patrick Graichen, Direktor der Agora-Energiewende brachte die deutschen Hausaufgaben auf den Punkt. „Die Welt kommt zu uns um innovative Produkte zu kaufen und nicht, um Hinterbänkler zu besuchen“, so Graichen. Die sofortige Abschaltung von mindestens 7 GW Kohlekraftwerksleistung sei unumgänglich, anders sei das deutsche Klimaziel bis 2020 nicht mehr zu erreichen. Dem Kohleausstieg stimmt sogar Vattenfall-Chef Toumo Hatakka zu und kündigte immerhin an, bis 2030 aus der Kohlestromerzeugung auszusteigen. In den Koalitionsverhandlungen hätten beide Themen, Kohleausstieg und der Emissionshandel in den Papieren gestanden. „Nur eben in eckigen Klammern“ so Graichen über die Misere deutscher Energie- und Klimapolitik.

Erstaunlicherweise hat ein Thema auf der Konferenz gar nicht stattgefunden – die zwingend notwendige Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG). Dabei ist es kein Geheimnis, dass nicht zuletzt durch die Ausschreibungsregelung die deutschen Zubauziele bei weitem nicht erreicht werden. Schlimmer noch – der Neubau von Windparks findet in Süddeutschland überhaupt nicht mehr statt, die Solarbranche dümpelt mit 1,5 GWp Zubau im Jahr vor sich hin. Klar ist jedoch eines: Ohne den massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien ist die integrierte Energiewende nicht mehr als ein Luftschloss.

Sektorkopplung bleibt das bestimmende Thema

Die Transformation in den Sektoren ist für alle Marktteilnehmer eine große Herausforderung, nicht nur was Produkte und Dienstleistungen sowie neue Geschäftsmodelle angeht. „Die Energiewende bedeutet für uns einen kompletten Kulturwandel im Unternehmen, Diversity und Change-Qualitäten sind gefragt“ so Hatakka über die Herausforderungen für Branchengrößen wie Vattenfall. Dieser Kulturwandel begründet sich zudem in der Notwendigkeit neue Wege zu gehen und in Geschäftsfeldern tätig zu sein, die bisher vom Kerngeschäft weit entfernt waren.

Die Energiewende findet zunehmend in den Quartieren statt, hier ist die Immobilienwirtschaft gefragt. Rolf Buch, Vorstandsvorsitzender von Vonovia, dem mit 350.000 Wohnungen größten privaten Vermieter Deutschlands, definierte die Lage seiner Branche klar: „Wir steigen in die Direktversorgung mit Erneuerbaren Energien ein, wir werden zum Energieversorger. Zudem lösen wir die Mobilitätsthematik und Nachverdichtung auf einen Schlag, wir werden zukünftig auch zu einem Car-Sharing-Anbieter“, so Buch weiter. Dem schloss sich auch Gunnar Herrmann, Vorstandsvorsitzender der Fordwerke in Deutschland an, er sprach von einem Paradigmenwechsel vom Autobauer zum Mobilitätsanbieter.

Die Verkehrswende stellt, wie die Energiewende auch, eine ganze Branche auf den Kopf. Es sei die größte Herausforderung in der Geschichte des Automobils, sagte Dr. Joachim Damasky vom Verband der Automobilindustrie (VDA). Mobilitätskonzepte der Zukunft müssten es schaffen, das Stadtwachstum vom Mobilitätswachstum zu entkoppeln. Dazu ist jedoch vorausschauende Stadtplanung unabdingbar. „Die Mobilitätstransformation beginnt vor dem ersten Spatenstich“, so Christian Gärtner von Urban Standard. „Man darf Parkraum erst gar nicht bauen, vielmehr müssen wir Alternativen zum motorisierten Individualverkehr anbieten, vor allem an den Stadträndern“ erklärte Gärtner.

Zauberwort Digitalisierung: Integrierte Plattformen und Apps immer wichtiger

Einig waren sich alle Teilnehmer auf dem dena-Kongress in einem Thema, der Digitalisierung. Der Trend hin zu Dienstleistungen kann in einem kundenfreundlichen Rahmen nur über digitale Plattformen und Apps führen. Dazu müssen Unmengen an Daten erhoben (z.B. SmartMeter, etc.) und verarbeitet werden, entscheidend für den Geschäftserfolg ist aber der Kundenutzen und das Kundenerlebnis an einem digitalen Touchpoint. So können Kunden z.B. zukünftig einen Bezug zwischen Stromerzeugung und –verbrauch herstellen. Dafür braucht es aber im Hintergrund zentrale Datenplattformen mit definierten Standards zum andocken weiterer Module und Geräte.

Letzten Endes wird es also die Vernetzung und Digitalisierung von Angeboten sein, die die integrierte Energiewende von einem aktuellen politischen Trauerspiel zu einem zukünftigen Kundenerlebnis und damit zur Erfolgsstory durch Partizipation machen kann.

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