Green City Life

Bitte mal hinhören!

Das Gesicht einer Stadt beschäftigt viele Menschen, ihren spezifischen Sound aber nehmen wir oft nicht wahr. Dabei erzählen gerade die vielen unerhörten Geräusche und Klänge viel über das Leben in der Stadt. Ein Plädoyer.

Anfang Januar schneite es in Mainz. Der Schnee hatte die Stadt wie in Watte verpackt, es herrschte eine mittelalterliche Stille. Das Rauschen des Verkehrs war verstummt, nur wenige Autos schlichen über die Rheinallee. Kinder lachten, Schritte knirschten im Schnee. Wie eine Stadt klingt, fällt uns oft erst auf, wenn die Geräusche fehlen – bei fünf Zentimeter Neuschnee oder am Feiertag. „Der Klang der Stadt ist ein natürlicher Teil unseres Lebens. Und doch hören wir meist durch ihn hindurch“, sagt der Klangforscher Thomas Kusitzky.

Dabei würde es uns guttun, öfter mal innezuhalten und sich auf ein Geräusch zu konzentrieren. Klänge können Identität stiften, uns zum Nachdenken anregen, ja sogar glücklich machen. Höchste Zeit also, bewusster hinzuhören. Wir haben uns dazu auf eine akustische Reise in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Stadtklangs begeben. Lärm von gestern Unser Soundcheck beginnt um 1900 in Hannover bei Theodor Lessing: Den Philosophen reißt der Großstadtlärm aus der Arbeit. In einer Kampfschrift geißelt er „all dies entsetzliche Randalieren, dies unaufhörliche Brüllen, Dröhnen, Pfeifen, Zischen, Fauchen, Hämmern, Rammeln, Klopfen, Schrillen, Schreien und Toben“. 1908 gründet Lessing den ersten Anti-Lärm-Verein in Deutschland. Ein Jahr zuvor hatte der Apotheker Maximilian Negwer begonnen, Ohrstöpsel namens Ohropax zu vertreiben. Besonders unter „Geistesarbeitern“ war das Bedürfnis nach Stille groß. „Städte wurden schon immer als laut wahrgenommen. Doch um 1900 veränderte sich ihre Klangkulisse grundlegend“, weiß Daniel Morat, Geschichts- und Kulturwissenschaftler an der FU Berlin. „Bis dahin waren die Geräusche meist organischer Natur: Sie kamen von Pferdewagen, Händlern, Straßenmusikern, Klingeln und Tieren. Nun drängten immer mehr technische Geräusche ans Ohr: Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel. Vor allem aber beeinflusste die Bevölkerungsdichte den urbanen Klang: Die Städte wuchsen rasant, wurden lauter, dichter und vielstimmiger.“

Berlin: Läuten, Klingen, Hupen

Der 43-Jährige erforscht die Vergangenheit der Stadtklänge am Beispiel Berlins vor 100 Jahren. Zwischen 1880 und 1910 verdoppelte sich die Einwohnerzahl. Mietskasernen, Fabriken und Industriesiedlungen wurden hochgezogen, U- und S-Bahn gebaut. Bei Bauarbeiten explodierte Dynamit, schepperten Presslufthämmer. Die Massenmietshäuser waren oft überbelegt. Aus den Werkstätten im Erdgeschoss drangen Geräusche hinauf in die Wohnungen. „Zudem war der Verkehr auf den Straßen noch nicht klar geregelt: Fußgänger, Radfahrer, Droschken, Automobile und Straßenbahnen teilten sich die Fahrbahn und machten auf sich aufmerksam“, so Morat. Die Folge: ein unablässiges Läuten, Klingeln und Hupen. Die neuen Geräusche der Autos und Trams durchmischten sich mit dem alten Klang der Kirchenglocken oder dem Knallen der Pferdepeitschen. „Die Kaiserzeit war eine akustische Hochzeit: Nie klang die Stadt vielstimmiger. Heute ist Berlin dagegen vergleichsweise ruhig.“

Sound der Gegenwart

Welche Klänge dominieren nun den Alltag der Städte? Schwer zu sagen. Wenn uns ein Geräusch beschäftigt, dann meist noch immer Lärm: ein unangenehmes, lautes Geräusch, das wir nicht aus eigener Kraft abschalten können. Lärm kann Stress, Konzentrationsmangel oder Schlafstörungen auslösen und mitverantwortlich sein für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Welche Klänge wir als angenehm oder störend wahrnehmen, ist individuell unterschiedlich und hängt auch von der Lebenssituation ab, weiß Klangexperte Thomas Kusitzky: „Gerade junge Menschen empfinden das urbane Rumoren der Stadt als positiv, weil sie das Gefühl haben, dass um sie herum etwas passiert. Wenn sie älter werden und Kinder bekommen, wünschen sie sich abends vielleicht mehr Ruhe.“

Um sich vor Lärm zu schützen, gibt es unterschiedliche Strategien: Vögel übertönen den Stadtlärm, indem sie in höheren Tonlagen trällern oder schon frühmorgens, bevor der Autoverkehr einsetzt. Der Gesang ist für sie überlebenswichtig: Sie verteidigen damit ihr Territorium oder locken Partner zur Paarung an. Wir Menschen entkommen dem Stadtlärm eher, indem wir andauernde Störgeräusche wie das Grundrauschen des Verkehrs ausblenden. Allerdings führt das alltägliche Weghören auch dazu, dass uns interessante, wohlklingende Geräusche durch die Lappen gehen. Und davon gibt es eine ganze Menge. Jede Stadt hat zum Beispiel ihre typischen, charakteristischen Klänge, weiß Thomas Kusitzky: „Mit Hamburg verbindet man akustisch den Hafen, Nebelhörner und Möwengeschrei. In München prägt unter anderem der Englische Garten die klangliche Wahrnehmung der Stadt: knirschender Kies, klackernde Bierkrüge, Blasmusik.

Lautlose Städte sind tote Städte

Klänge tragen zur Gewohnheit und Identifikation bei, sie sind ein Stück Heimat.“ Der gelernte Musiker plädiert dafür, Klänge nicht immer nur als Belästigung zu sehen und Stille als ideal: „Lautlose Städte sind tote Städte.“ Neben der Nutzung bestimmen Bauweise und Organisation den Klang einer Stadt, weiß Kusitzky: „Städte klingen, wie wir sie errichten.“ Für Berlin typisch ist die Blockrandbebauung aus der Gründerzeit. „Entlang der Straße sind die Häuserblöcke geschlossen, der Schall wird zwischen den parallelen Wänden hin und her geworfen.“ Glatte Materialien wie Glas verstärken den Effekt, die Geräusche klingen dann laut und hart. Man möchte sich nicht lange dort aufhalten. Anders die Innenhöfe der Blockränder: Man hört Vogelgezwitscher, spielende Kinder, schnappt Gesprächsfetzen auf. Plötzlich wirkt die Stadt fast wie ein Dorf. „Klanglich sind das zwei Welten“, sagt Kusitzky.

Der 41-Jährige setzt sich dafür ein, die akustische Dimension in der Architektur- und Stadtplanung systematisch zu berücksichtigen. Jede Planungsmaßnahme wirkt auf die Ohren. Baumaterialien, Bauwerke und Baustile artikulieren den Stadtklang. Doch bis zu einer „auditiven Stadtplanung“, die den Klang von vornherein mitdenkt, ist es noch ein weiter Weg. An vielen Architekturhochschulen ist Akustik kein Pflichtfach. Die entsprechenden fachlichen Werkzeuge müssen erst noch entwickelt, Planer für das Thema sensibilisiert werden.

Immerhin, erste Ansätze gibt es: Schallaufnahmen, Hörprotokolle, Raumklangsimulationen oder Kartierungen mit stilisierten Schallwellen helfen Planern, Klänge stärker in den Entwurf einzubeziehen. Mehrere hörenswerter Orte sind auf diese Weise schon entstanden. Etwa der Nauener Platz in Berlin, an dem sich zwei stark befahrene Hauptstraßen kreuzen. Nach einer Umgestaltung schirmen nun 1,5 Meter hohe Stein- und Pflanzenbarrieren den Lärm ab. Neben den Straßenbänken wurden Hörinseln installiert, die auf Knopfdruck Vogel oder Wassergeräusche abspielen und den Verkehrslärm überlagern. Oder der Grünzug Südstadt in Karlsruhe – ein Parkstreifen für Fußgänger und Radfahrer, der sich durch die Blockrandbebauung schlängelt. Bäume und Sträucher filtern die Geräusche der Stadt.

Überhaupt haben Grünflächen entscheidenden Einfluss auf den Klang: Parks mit Sitzbänken und Liegewiesen schaffen mitten im Tosen der Stadt Klangoasen mit abwechslungsreicher Akustik. Man hört die vielen unterschiedlichen Sounds von Natur und Mensch. Baumgruppen und Höhenunterschiede erzeugen interessante Hörnischen – Erholungsorte vom akustischen Dauerfeuer des Stadtverkehrs. Zwar ist die messbare Lärmminderung durch Bäume oder Hecken eher gering, aber sie können unter anderem das unangenehme Hin-und her-Schwingen des Schalls zwischen dichten Häuserreihen verhindern.

Klang der Zukunft

Die letzte Etappe unseres Soundchecks führt in die Zukunft. Wie werden deutsche Großstädte 2050 klingen? Leiser, glaubt Daniel Morat: „Verbrennungsmotoren werden verschwinden, Verkehrsgeräusche abnehmen.“ Ob Elektroautos den Verkehrslärm künftig senken, ist dagegen umstritten. Zwar ist ihr Antrieb leiser als bei Verbrennungsmotoren. Wichtiger für den Lärmpegel ist jedoch das Abrollgeräusch der Reifen, das auch ein Elektromotor nicht verhindert. Um den Verkehrslärm in Zukunft zu senken, gibt es daher wohl nur eine Option: weniger Autos.

Carsharing, attraktive Radwege und ein intelligent vernetzter Nahverkehr könnten den Weg zur autofreien Stadt beschleunigen. Nicht nur die Akustik würde sich so verbessern, sondern die Lebensqualität insgesamt. Dann müssten wir nur noch öfter das piepsende Smartphone abschalten und ganz bewusst in die Stadt hineinlauschen. Es könnte der Beginn einer spannenden Entdeckungsreise sein.

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