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Die Evolution des Drahtesels

Das Fahrrad. Nachhaltiges Transportmittel, Sportgerät und treuer Begleiter, vor allem in Stadtgebieten. 2017 feiert das Fahrrad sein 200. Jubiläum und scheint uns heute als ganz selbstverständlicher Teil unseres Lebens. Kaum zu glauben, dass erst Umstände wie Kriege und ein Vulkanausbruch zu der Erfindung des Fahrrads geführt haben.

„Not macht erfinderisch“ – Kein Sprichwort passt besser zur Entwicklungsgeschichte des Fahrrads. Ohne Kriege, eine hungernde Bevölkerung und die folgenreichste Naturkatastrophe des 19. Jahrhunderts hätte die Entwicklung des Zweirads vermutlich nicht in dieser Form und nicht so schnell stattgefunden.

1815 blickte Europa auf ein Vierteljahrhundert voller Kriege zurück. Die Hauptleidtragenden dieser Auseinandersetzungen der Mächtigen waren wie immer die einfachen Menschen. Die schlimmsten Folgen: Armut und Hunger. Nutztierhaltung wurde zu einem wahren Luxus. Ein Pferd zu besitzen – das Hauptverkehrsmittel jener Zeit – war für den Großteil der Bevölkerung auch vor den Koalitions- und Befreiungskriegen schon unerschwinglich gewesen. Inzwischen waren die meisten Pferde bereits geschlachtet oder dem Kriegstreiben zum Opfer gefallen.

Im April 1815 kam noch eine Naturkatastrophe zu den ohnehin schon schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der Nachkriegszeit hinzu. In Indonesien brach der Vulkan Tambora aus. Dieses Unglück veränderte das weltweite Klima. Das Jahr 1816 wurde in Europa als das „Jahr ohne Sommer“ bekannt und die Lebensmittelknappheit traf die Menschen immer härter. Aufgrund der Ressourcenknappheit wurde der Unterhalt von Pferden wurde immer schwieriger. Die Tiere wurden immer weniger als Fortbewegungsmittel betrachtet, denn als Fleischlieferant. Durch den massiven Wegfall der Pferde erlitt die Mobilität der damaligen Zeit große Einbußen. Eine alternative Fortbewegungsmethode war dringend nötig.

Das Fahrrad lernt laufen

Ein umfassend gebildeter Forstbeamter mit mehr Talent für Erfindungen als für den Forstberuf widmete sich dem Problem und machte in dieser Zeit die Erfindung, die uns heute so selbstverständlich erscheint. Karl Freiherr von Drais besann sich auf die Antriebkraft, die jedem Menschen kostenfrei zur Verfügung steht – die eigene Köperkraft. Doch Geschwindigkeit und Transportvolumen mussten durch ein mechanisches Gerät unterstützt werden. So ersann er den Vorläufer des heutigen Drahtesels: die Laufmaschine, später auch unter den Bezeichnungen Veloziped oder Draisine bekannt. Nachdem sein vierrädriger Prototyp zunächst floppte, ließ sich Drais durch Schlittschuhe inspirieren und erkannte, um wie viel schneller und effizienter die Fortbewegung auf einem Zweirad mit hintereinander angeordneten Rädern und einem lenkbaren Vorderrad möglich wäre. Im Sommer 1817 präsentierte er die Erfindung seinen noch wenig beeindruckten Zeitgenossen, was ihm aber immerhin den Titel „Doktor der Mechanik“ einbrachte.

Zunächst kritisierten seine Zeitgenossen die „unschicklichen“ Bewegungen auf der groben Holzkonstruktion und zeigten sich besorgt, das Laufrad könne Fußgänger gefährden. Doch die anfängliche Skepsis wusste Drais schnell zu zerstreuen. Auf verschiedenen Ausfahrten bewies er eindrucksvoll, dass er mit der Laufmaschine auf den kurvenreichen, schlecht ausgebauten Straßen in Baden wesentlich schneller vorankam, als die üblichen Postkutschen und die Unfallgefahr sich dabei in Grenzen hielt. Aus der Not war also das bis heute ökologisch und ökonomisch sinnvollste Verkehrsmittel geboren. Und aus einer anfänglich skeptischen oder sogar ängstlichen Bevölkerung wurde schnell eine regelrechte Fanbasis.

Der Prototyp des Freiherrn verfügte bereits über einige Ausstattungsmerkmale, die wir bis heute kennen. So hatte Drais seine Konstruktion mit einer Bremse versehen, die über einen Seilzug betätigt wurde. Außerdem war die Sitzhöhe über eine Schraube verstellbar und ein Balancierbrett unterstützte die Lenkenden dabei, das Gleichgewicht zu halten. Doch trotz seiner bahnbrechenden Erfindung und eines Patents darauf wurde Drais durch seine Erfindung nicht reich. Zwar erhielt er zunächst eine Erfinderpension, die später allerdings gekürzt und dann zur Abdeckung der Revolutionskosten beschlagnahmt wurde. Seine geniale Idee nahmen andere Erfinder und Werkstätten rasch auf, kopierten das Laufrad aber ohne Lizenz und entwickelten die Maschine so unabhängig von Drais weiter.

Die Erfindung wird verfeinert

Als gesichert gilt in der weiteren Entwicklungsgeschichte, dass in England leichtere Bauweisen für den Rahmen und leichtere Räder mit Kreuzspeichen entwickelt worden sind. Ein Schotte namens John Boyd Dunlop stellte 1888 Räder vor, die aus einem Luftschlauch mit Hartgummi-Ummantelung bestanden. Wer auf die Idee kam, Pedale zu konstruieren, ist umstritten. Viele Experten gehen davon aus, dass der Franzose Pierre Michaux um 1860 für diese revolutionäre Entwicklung verantwortlich war – andere sprechen von einer schottischen Entwicklung. Und auch der Erfinder des praktischen Klapprads ist bekannt: William Grout meldete 1878 das Patent an. Sein Faltrad mit Vollgummireifen hatte ein Vorderrad, das sich in vier Teile zerlegen ließ. Der Rahmen ließ sich falten und zusammen mit den Radteilen in einem Koffer verstauen.

Auch Carl Benz profitierte von diesen Entwicklungen. Sein dreirädriges, motorisiertes Veloziped ging 1886 als Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 in die Geschichte ein. Auch die Entwicklung des Automobils ist also ohne Drais‘ Laufmaschine und deren Weiterentwicklung undenkbar. Die Autobauer dieser Zeit einte, dass sie selbst große Fahrrad-Fans waren. Von Adam Opel ist etwa der Ausspruch überliefert, dass „bei keiner anderen Erfindung das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden ist, wie beim Fahrrad“.
Das Fahrrad als reines Transportmittel ist in den letzten 200 Jahren auch zum Sportgerät und Lifestyle-Accessoire avanciert. Aufgrund fortschreitender Luftverschmutzung und hohen Verkehrsbelastungen besinnen sich die Menschen heute aber auch wieder auf die ursprüngliche Bedeutung und entwickeln spannende Mobilitätskonzepte rund um das emissions- und platzsparende Fahrrad. Und für Millionen Menschen ist ihr Fahrrad mehr als nur ein „Ding mit zwei Rädern“. Das Fahrrad ist ein Teil des Lebens, der heute nicht mehr wegzudenken ist.

Laufrad-Erfinder Karl Drais starb im Dezember 1851 als Opfer einer Rufmordkampagne verarmt und sozial am Boden in seiner Heimatstadt Karlsruhe. Erst rund 40 Jahre nach seinem Tod wurde ihm die Anerkennung zuteil, die ihm zeitlebens verwehrt geblieben war. Ein Fahrrad-Club ließ seine sterblichen Überreste auf den Karlsruher Hauptfriedhof umbetten und errichtete ihm mithilfe von Spendengeldern ein repräsentatives Grabmal sowie ein Denkmal in Karlsruhe. Und Drais‘ Erfindung rollt – zum Fahrrad weiterentwickelt – noch heute über alle Teile dieser Welt.

Mehr zum Thema Fahrrad und zum Jubiläum 2017 gibt es in der kommenden Ausgabe 1/2017 von Green City Life.

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