Green City Life

Die Stadt, dein Sportplatz

Wie Menschen ihre Stadt sportlich zurückerobern

Sie springen auf Mauern, machen Klimmzüge auf Kinderspielplätzen, praktizieren Yoga im Park oder versuchen sich mitten im „Getto“ als “menschliche Flagge”– Outdoor-Sportler sind zur Konstante im Stadtbild moderner Metropolen geworden. Scheinbar haben die Menschen genug davon, in Fitness-Studios eingepfercht zu sein. Der urbane Sportler erkundet und erobert viel lieber sein Umfeld für sich: die Stadt wird wieder Lebensraum. Doch bei aller Gemeinsamkeit in der Sache, sollte man nur eines nicht tun: die Leibesertüchtiger über einen Kamm scheren.

Calisthenics – den eigenen Körper stemmen

Da sind zum Beispiel besagte Spielplatz-Sportler. Was sie dort tun, nennt man “Calisthenics”. Der Name bedeutet so viel wie “gute Kraft”, kommt aus dem Griechischen und bezieht sich auch auf eine altgriechische Trainingstradition. Das Grundprinzip lautet: Trainiere deine Kraft nur mit dem eigenen Körpergewicht. Die Übungen sind einfach auszuführen, haben es kräftetechnisch aber in sich. Bei der “Human Flag” zum Beispiel hält man sich an zwei Leitersprossen fest und bringt den Körper in die Waagrechte. Aufgekommen ist Calisthenics – der Übergang zu Begriffen wie “Street-Workout” ist fließend – Anfang diesen Jahrhunderts in New York. Junge Menschen, deren Geldbeutel fürs Fitnessstudio zu schmal war, gingen schlicht und einfach raus in die Parks. Viele in Amerika und Europa tun es ihnen heute nach.

Ghetto-Workout – stark in der Hood

Ebenfalls aus New York stammt die sogenannte Getto-Fitness- oder Getto-Workout-Szene. Auch das ist eigentlich eine Spielart von Calisthenics. Die Übungen sind im Prinzip dieselben, anders ist nur, wer sie macht und wo. Es ist eben ein Sport vom Getto fürs Getto. Beinharte Typen trainieren im öffentlichen Raum vornehmlich an Stangen bis zur Schmerzgrenze, um noch härter zu werden. Dazu gehört auch, stolzen Nachahmern, die gerade ihre persönliche Bestmarke geknackt haben, Sätze hinzuschmeißen wie: “Das ist doch gar nichts, Mann.” Richtige Fitness-Gangs haben sich in New York bereits gebildet. Und wie das scheinbar so sein muss, stehen diese sich teils feindselig, teils respektvoll gegenüber. Getto-Workout ist also weit mehr als nur ein Sport. Es ist ein Subkultur-Phänomen und auch ein alternatives Angebot zur sozialen Identifikation abseits von Drogen und Gewalt.

Freeletics – Drill, Disziplin und Selbstoptimierung

Getto-Workout gibt es auch in der gemäßigteren Variante. Sie nennt sich Freeletics und teilt das Grundprinzip mit den zuvor genannten Sportarten: Training nur mit dem eigenen Körpergewicht, ohne Geräte. Aber nur extrem, intensiv und hart. 50 Sit-ups, 50 Kniebeugen und 50 Burpees (Liegestützsprünge) in kurzer Zeit hintereinander – und das ist erst das Einstiegsprogramm. Die erste Runde, wohlgemerkt, quasi zum Warmwerden. Turnübungen, die wir alle aus dem Schulsport oder der Gymnastikgruppe kennen, werden hier mit militärischem Drill absolviert. Turnvater Jahn lässt grüßen – im Superman-Format.

Tatsächlich scheint es den “freien Athleten” darum zu gehen, aus sich eine Art Supermenschen zu machen, zumindest körperlich. “Erreiche die beste Form deines Lebens”, wirbt denn auch die Website von Freeletics und beteuert: “Tausende haben es bereits geschafft.” Auch hier gilt als ein Grundprinzip, dass man die Übungen eben nicht in einem Fitness-Studio absolvieren muss, sondern völlig frei jeden Raum für sich beanspruchen kann. Ja, für viele Athleten ist das das heimische Wohnzimmer. Immer mehr Sportler drängt es aber dabei aber hinaus in die Stadt.

Als Beweis für vollbrachte Leistungen gibt es zahlreiche Vorher-Nachher-Bilder von Menschen, deren körperliche “Transformation” (ein vielsagender Begriff aus der Szene) wirklich imponiert. Tatsächlich kann man mit Freeletics seinen Körper extrem stählen – aber nur, wenn man über Wochen und Monate dranbleibt und gleichzeitig die Ernährung komplett und dauerhaft umstellt. Warum man so etwas macht? “Ich bin glücklicher und selbstbewusster als je zuvor”, sagt zum Beispiel Seana Forbes, eine der beeindruckenden Athletinnen, „ich habe nicht einfach einen Sport angefangen. Ich habe mein Leben verändert und einen neuen Lifestyle angenommen“. Es scheint, ein starker Körper stärkt das Selbstbewusstsein, und das Bedürfnis danach steigt offenbar über alle Grenzen hinweg.

Eigentlich – und das hören die Anhänger von Freeletics gar nicht gern – ist es aber falsch, Freeletics gleichbedeutend neben Calisthenics zu stellen. Denn in Wirklichkeit ist das keine eigene Sportart, kein eigener Trend. Es ist eine Marke, 2012 eingeführt vom gleichnamigen Münchner Unternehmen. Mit einer geschickten Marketingstrategie, die auf autodidaktischem Training anhand von Video-Tutorials und einem Community-Gedanken samt eigener App basiert, hat es Freeletics zu einiger Beliebtheit gebracht. Die größte Freeletics-Gemeinschaft der Welt befindet sich übrigens in Paris: Die dortige Facebook-Gruppe zählt über 11.000 Mitglieder. Unzählige Trainer bieten Freeletics-Programme samt Ernährungsplan und Motivationsleitfaden an. Eine Industrie.

Parkour – die Stadt als Spielplatz

Aus Paris stammt dagegen auch ein ganz anderer City-Guerillasport: Parkour. Das Grundprinzip hier: Nichts als den eigenen Körper benutzen, um in der Stadt möglichst effizient von A nach B zu kommen. Was so nüchtern klingt, hat einen hohen Spaß- und Adrenalinfaktor. Wenn man auf hohen Mauern balanciert oder über Müllcontainer springt, bleibt das Stimmungshoch nicht aus. Die Philosophie von Parkour geht auf das „natürliche Turnen“ zurück, das in den 1920er-Jahren propagiert wurde, mit dem Ziel, abseits strenger Turnübungen den natürlichen Bewegungsdrang jedes Kindes zu fördern. Diese Art des Turnens praktizierte Parkour-Gründer David Belle als Kind in der Natur. In den 1980er-Jahren übertrug er dann seine Methode auf den Pariser Vorort Lisses. Hier überwand er mit seinen Freunden alles von der kleinen Treppe über größere Mauern bis hin zu hohen Gebäudefassaden.

Parkour ist laut Belle mehr als eine Sportart. Er betrachtet es als „kreative Kunst, die mir dabei hilft, die eigenen, durch Körper und Umwelt gesetzten Grenzen zu erkennen und zu überwinden, ohne dabei andere mit meinem Können beeindrucken zu wollen.”

Damit scheint Parkour der exakte Gegenentwurf zu Freeletics zu sein. Wobei auch hier gesteigertes Selbstbewusstsein eine Rolle spielt. „Parkour hat mein Leben verändert“, sagen zahlreiche Parkour-Traceure, die zuvor etwa eine „Karriere“ als stubenhockender Gamer hinter sich hatten. Veränderung findet dabei zunächst weniger sichtbar am Körper, als vielmehr in der inneren Einstellung statt – zu sich selbst und zu der Stadt, in der man lebt.

Natürlich findet solch eine starke Bewegung auch ihre Vermarkter. Parkour Paris beispielsweise ist ein offizieller Verein, der ausgerechnet von Giganten wie Mercedes-Benz, Renault und Puma gesponsert wird. Das geschieht durchaus mit dem Einverständnis des Erfinders – David Belle ist selbst ein Teil des Vereins. Damit verbunden ist “Etre-Fort”, eine eigene Sportbekleidungsmarke von Traceuren für Traceure. Wobei doch eigentlich der Grundgedanke von Parkour keine Spezialkleidung vorsieht. Aus der Bewegung wird ein Trend, aus dem Trend wird ein Geschäft. Das soll aber freilich niemanden daran hindern, die eigene Stadt für sich zu erobern. So unterschiedlich die neuen Stadt-Sportarten sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie tragen Sport heraus aus den Turnhallen in den öffentlichen urbanen Raum. Die Grenzen zwischen den Arten der Freizeitgestaltung verschwimmen. Der Sport treibende Mensch scheint sich weniger abgrenzen zu wollen, er verzichtet mehr und mehr auf einen geschützten, spezialisierten Raum und präsentiert sich mitten im städtischen Leben.

Das geht einher mit der Tendenz unseres jungen Jahrhunderts, das Private öffentlich(er) zu machen, beispielsweise durch soziale Netzwerke. Der Mensch versteckt sich immer weniger; was er mit seinem Körper treibt, dürfen alle sehen. Die Stadt wird so zum „Experimentierfeld, in dem neue Weisen der Selbst-Bildung praktisch erprobt und zugleich die Handlungsmöglichkeiten der städtischen Räume ausgelotet, erweitert und umcodiert werden“, wie es Roman Eichler von der Universität Oldenburg in seinem Promotionsprojekt beschreibt.

Man darf gespannt sein, was den experimentierfreudigen Städtern in den nächsten Jahren noch so alles einfällt.

Weitere Informationen

Outdoorfitness ohne Mitgliedschaft
Parkour München
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