Green City Life

Die Stadt muss radikaler werden

Interview mit dem Copenhagenize-Gründer Mikael Colville-Andersen.

Copenhagenize – der Name der Design Company ist Programm: Sie trägt die Fahrradstadt Kopenhagen als Vorbild in alle Welt.

GCL: Warum setzen Sie sich so für Fahrradkultur ein?

Mikael Colville-Andersen: Ich glaube gar nicht, dass es so etwas wie Fahrradkultur gibt. Ich bin nur ein Mann mit seinem Team, der glaubt, dass das Fahrrad das mächtigste Werkzeug in unserem Werkzeugkasten ist, wenn wir urbanes Leben verbessern wollen.

Mit welchen Argumenten lassen sich Politiker überzeugen, in Fahrradinfrastruktur zu investieren?

Viele der Politiker, die ich rund um den Globus getroffen habe, sitzen einem Missverständnis auf: Sie glauben, dass sie Fahrradinfrastruktur für jene Leute bauen sollen, die heute schon Fahrrad fahren. Dabei übersehen sie, dass sie die Radwege eigentlich für die vielen zusätzlichen Menschen bauen sollten, die Fahrrad fahren könnten. Die Politiker müssen lernen, warum sich diese Investitionen lohnen. Das war auch der Schlüssel für den Erfolg von Kopenhagen: den Kosten-Nutzen-Effekt aufzuzeigen, und zwar bis ins kleinste Detail. Berücksichtigt man die Gesundheitseffekte und den verringerten Autoverkehr, hat sich ein Kilometer besten Radwegs schon in weniger als fünf Jahren amortisiert. Für jeden Kilometer, der in Kopenhagen geradelt wird, gewinnt die Gesellschaft 23 Cent. Für jeden Autokilometer dagegen verlieren wir 85 Cent.

Ein einspuriger Radweg auf einer Straßenseite kann 5.900 Menschen pro Stunde transportieren. Eine Fahrspur für Autos schafft nur 1.300, selbst wenn gerade kein Stau ist. Insgesamt tragen Kopenhagens Fahrradfahrer 233 Millionen Euro zur Volksgesundheit bei. Das ist alles nur einfache Mathematik. Und die müssen wir den Politikern beibringen.

Und wie lassen sich die Bürger überzeugen, statt des Autos das Fahrrad zu nehmen?

Es ist lächerlich, wenn wir den Leuten sagen, sie sollen das der Umwelt zuliebe tun. Der Homo sapiens will einfach nur schnell von A nach B kommen. Die einzige Lösung ist also, das Fahrrad zu einem wettbewerbsfähigen Transportmittel zu machen. Wenn wir das schaffen – kombiniert mit einem funktionierenden öffentlichen Personennahverkehr –, sind wir auf dem richtigen Weg.

Wie hat Kopenhagen es geschafft, den Anteil der Radler am Gesamtverkehr auf 45 Prozent zu bringen?

Wir nehmen das Fahrrad ernst. Und wir wissen nun einmal, dass es arrogant und egoistisch ist, in der Stadt mit dem Auto zu fahren. Kopenhagen hat erkannt, dass eine gute Infrastruktur die Menschen überhaupt erst aufs Fahrrad bringt, wovon die ganze Gesellschaft profitiert. Die 45 Prozent Fahrradanteil am Gesamtverkehr wurden durch eine Re-Demokratisierung des öffentlichen Raums erreicht, der den Autos entzogen und für intelligentere Transportmittel genutzt wird.

Was sind die neuesten Entwicklungen in Kopenhagen? Und wo kann sich die Stadt noch verbessern?

Wir haben hier ein ziemlich vollständiges, zusammenhängendes Netzwerk, nicht nur in der City, sondern im Großraum Kopenhagen. Damit bedienen wir rund zwei Millionen Menschen. Gerade erst wurden acht neue Fahrradbrücken über Hafen und Kanäle gebaut. Eine riesige Investition, die sich aber rentieren wird. Und die Stadt muss noch radikaler werden: Jetzt heißt es ganze Straßen dem Autoverkehr zu entziehen und sie Bussen und Fahrrädern zur Verfügung zu stellen. Nur so geht es
weiter voran.

Wo sollte ein Radweg verlaufen? Auf dem Bürgersteig oder auf der Straße, zwischen parkenden und fahrenden Autos?

Sollte ein Planer in einer dänischen Stadt tatsächlich vorschlagen, Fahrräder auf der falschen Seite geparkter Autos fahren zu lassen – also zwischen der Fahrertür und dem rasenden Verkehr –, würden wir ihn auslachen. Und das solltet ihr in Deutschland auch tun. Lacht sie aus: diese faulen Politiker, diese ignoranten Verkehrsplaner und diese testosterongesteuerten Hardcoreradler, die meinen, dass Radwege auf die Straße gehören. Denn ihre Dummheit ist gefährlich! Radwege gehören auf den Bürgersteig, für die Sicherheit, die Geschäfte und das Stadtleben. Das ist längst keine Frage mehr.

Viele Stadtbewohner radeln nicht, weil sie Angst vor Unfällen mit Autos haben. Ist das gerechtfertigt? Und was halten Sie davon, das Tragen von Fahrradhelmen vorzuschreiben?

Jedes Jahr sterben in der EU 35.000 Menschen bei Autounfällen. Wenn die Menschen Angst vor Unfällen haben, sollten sie aufhören, Auto zu fahren. Fahrradfahren ist sicher, sogar in Städten mit schlechter Infrastruktur. Die Kultur der Angst, die in unserer Gesellschaft um sich greift und auch das Fahrradfahren erreicht hat, ist irrational. Um den Menschen die Angst vor dem Fahrrad zu nehmen, hilft nur Folgendes: eine gute Fahrradinfrastruktur und strengere Tempolimits für Autos in der Stadt. Sie fragen nach Plastikhüten… Fahrradhelme zu empfehlen oder gar vorzuschreiben ist meiner Meinung nach völlige Ignoranz, faule Politiker tun das gerne. Überall in Europa kämpfen wir dagegen. Wissenschaft ist wichtiger als Angst und Anekdoten.

Mal abgesehen von Kopenhagen: Welche ist ihre Lieblingsfahrradstadt?

Ich liebe Barcelona. Es ist eine große europäische Stadt mit einem wachsenden Netzwerk, in der ich mit meinen Kindern zum Strand radeln kann. Jede Stadt, in der ich mit meinen Kindern Fahrrad fahren kann, ist eine gute Stadt.

Weitere Informationen

Copenhagenize
Münchner Mobilitätskultur

MEHR ARTIKEL LADEN