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Hilfe zur Selbsthilfe: Dynamo Fahrradservice

Ein paar Parkplätze sind vor der Tür vorhanden, doch ansonsten dreht sich beim Dynamo Fahrradservice BISS e.V. alles ums Fahrrad. Zumindest auf den ersten Blick. Sieht man genauer hin, geht es vor allem um die Menschen dahinter. Der Verein verbindet soziale Arbeit mit Nachhaltigkeit und unterstützt Langzeitarbeitslose über die Arbeit am Fahrrad auf ihrem Weg aus dem sozialen Abseits zurück in die Berufswelt.

Etwa 300 ausgediente und gespendete Drahtesel stapeln sich in organisiertem Chaos in dem Keller unter den Verkaufsräumen des Dynamo Fahrradservice BISS e.V. im Münchner Osten. „Das sieht vielleicht unübersichtlich aus, aber unser zuständiger Kollege kann genau sagen, welche Räder hier lagern“, sagt Anette Eggart, Geschäftsführerin des Vereins. Vor drei Jahren ist die Betriebswirtin aus einem sehr viel konventionelleren Arbeitsumfeld zu Dynamo gewechselt. „Ich bin zufällig über die Stellenausschreibung gestolpert und die Aufgabe hat mich sofort gereizt“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. „Organisatorisch ist die Leitung eines sozial motivierten Geschäftes wie diesem ähnlich wie die eines normalwirtschaftlichen Unternehmens. Aber hier hat man eben einen größeren Sinn dahinter.“

Wertschätzung und Struktur durch Qualifzierung und Ausbildung

Der Zweck des Vereins ist so klar wie auch anspruchsvoll in der Umsetzung. Es geht darum, Menschen, die schon lange Zeit erwerbslos sind, eine Möglichkeit zu bieten, sich über Beschäftigung wieder sozial einzugliedern. Neben normalen Reparaturdienstleistungen baut Dynamo Fahrradservice mit den Teilnehmern aus den Alträdern „neue“ Gebrauchträder auf, die dann in den Radläden des Vereins verkauft werden. „Für viele unserer Teilnehmer ist das hier wirklich die allerletzte Chance“, erklärt Eggart. „Und die meisten von ihnen wissen das auch.“ Daher haben die Auszubildenden und Teilnehmer des Dynamo Fahrradservice ein wenig mehr Aufmerksamkeit nötig als ein durchschnittlicher Angestellter. Die meisten Teilnehmer haben verschiedene Belastungen, seien es psychische oder physische Probleme, Schulden oder Suchterkrankungen. Deshalb bietet Dynamo nicht nur eine Arbeitsstelle, sondern auch einen „geschützten Raum“ und Lebenshilfe in den verschiedensten Belangen, ermöglicht durch zwei hauseigene Sozialarbeiter. „Geschenkt bekommen die Teilnehmer hier aber nichts“, so Eggart. „Es geht vielmehr um Hilfe zur Selbsthilfe. Der Aufbau eines regelmäßigen Tagesablaufs, das Arbeiten wieder zu lernen, erbrachte Leistung zu würdigen und so wieder Selbstwertgefühl und Struktur ins Leben zu bekommen. Ziel ist, die Teilnehmer nach ihrer Zeit bei Dynamo wieder in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Also müssen unsere Leute schon etwas leisten, aber eben im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten.“

Geschützter Raum und Lebenshilfe

An die zwei Sozialarbeiter bei Dynamo können die Angestellten sich mit allen Lebensfragen wenden. Entschuldung und Behördenthemen sind wichtige Punkte, aber auch für kleinere Alltagsthemen bieten sie Beratung und handfeste Unterstützung. Astrid Benda ist seit 2009 bei Dynamo und hat mit den Angestellten schon einiges erlebt. „Manchmal steigen wir tief ins Privatleben ein. Manchmal gehen wir aber auch einfach zusammen einkaufen, damit die Leute ein realistisches Gespür für Preise und das Verhältnis von Einkommen und Ausgaben trainieren können“, so Benda. „Das Hauptziel ist, dass unsere Teilnehmer nach der Zeit bei uns nachhaltig besser dastehen als zuvor.“ Der geschützte Raum bietet die Möglichkeit, auch mal einen Fehler zu machen, den die freie Wirtschaft nicht verzeihen würde. „In der Zeit hier bieten wir die Möglichkeit, in einem sehr stabilen Rahmen eine Ausbildung mit Abschluss zu erlangen und versuchen die Kandidaten aber gleichzeitig auf ein Leben außerhalb dieses geschützten Raums vorzubereiten.“ Einfach ist das nicht immer. Auch wenn der Wille da ist, gibt es immer wieder Schwierigkeiten, von alten Handlungsmustern abzulassen. Dann geht es aber auch darum, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. „Viele müssen wieder lernen, jeden Tag zur selben Zeit am selben Ort zur Arbeit zu erscheinen“, erklärt Benda. „Und wenn sie das mal nicht schaffen, gehört es auch dazu, sich zu melden und Bescheid zu geben, statt sich einzuigeln und die unangenehme Konfrontation einfach zu vermeiden.“ Der Schwerpunkt liegt dabei ganz klar auf der Wiedererlangung der Beschäftigungsfähigkeit, nicht auf der Therapie von Erkrankungen. Wenn ein Teilnehmer seine Maßnahme wegen akuter Erkrankung abbrechen muss, steht ihm die Tür zur Fortsetzung der Maßnahme nach der Behandlung offen.

Große Herausforderung: Finanzierung von Sozialbetrieben

Doch bei aller Menschenliebe geht es leider auch hier nicht ganz ohne das schnöde Geld. „Die Finanzierung eines sozialen Betriebs ist immer eine Herausforderung“, sagt Eggart ganz klar. Die Arbeit des Dynamo Fahrradservice BISS e.V. wird über verschiedene Kanäle finanziert und gefördert. Zum einen natürlich über die Einnahmen, die der Laden über Fahrradverkäufe und -reparaturen generieren kann. Im März 2016 hat Dynamo eine zweite Filiale im Domagkpark eröffnet und konnte so auch weitere Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen. Dann gibt es noch das Upcycling-Projekt „Pulpo – abgefahren in München“, über das in Gemeinschaftsarbeit von drei sozialen Betrieben und der Künstlerin Naomi Lawrence aus alten Fahrradschläuchen – und teilen originelle Schlüsselbretter, Teelicht-Stöfchen, Geldbeutel und vieles mehr gefertigt werden. Durch dessen Verkaufserlöse können bislang die Angestellten von Pulpo finanziert werden.

Die Finanzierung von Dynamo ist komplexer. „Unser anleitendes Kernpersonal wird aus dem Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm finanziert. Die Einzelfinanzierung der Lohnkosten der Beschäftigten läuft individuell über das Jobcenter München. Und die Sachkosten decken wir durch eigene Erlöse ab.“ Dazu kommen noch ergänzende Finanzierungen durch das Arbeitsmarkt- und Zuverdienstprogramm des Bezirks Oberbayern und das Integrationsamt sowie zweckgebundene Spenden. Die Münchner Straßenzeitschrift BISS hat beispielsweise eine Patenschaft für den Recycling-Leiter bei Dynamo übernommen.
Auch Sach- oder Geldspenden von Privatleuten oder Unternehmen nimmt Dynamo gerne an. „Das ist für uns tatsächlich sehr nützlich. Leute bringen ihre alten Fahrräder vorbei, dann gibt es noch die sogenannten ‚S-Bahn-Räder‘, die einfach niemand mehr abgeholt hat. Man kann sich gar nicht vorstellen, was die Leute alles stehenlassen. Da sind sogar alte Gazellen dabei“, wundert sich Eggart. „Durch Sach- oder Geldspenden können Privatleute und auch Unternehmen den Betrieb unterstützen und wir können mehr Menschen zurück in eine selbstständige Versorgung helfen.“

Erfolgsfälle sind die Mühe wert

Die Erfolgsrate von Dynamo liegt nicht bei 100 Prozent, aber die Erfolgsfälle sind die Mühe wert. Stefan Andl ist zum Beispiel seit vier Jahren dabei und hat sich in dieser Zeit oft selbst überrascht. Der vormalige Bäcker hat sich nach gesundheitlichen Schwierigkeiten und langer, frustrierender Arbeitslosigkeit selbst bei den Hörnern gepackt und sich eigenständig bei Dynamo beworben. Erst im Rahmen seiner neuen Arbeit für das zugehörige Fahrrad-Upcycling-Projekt Pulpo hat er seine Kontaktfreude und sein natürliches Verkaufstalent entdeckt. „Seit ich bei Dynamo bin, hat sich mein Leben sehr verändert. Ich fühle mich wieder lebendig. Und ich habe Selbstvertrauen“, sagt Stefan Andl abschließend und lächelt dann verlegen. „Auch wenn ich diesbezüglich noch nicht ganz am Ziel bin.“

Hier geht’s zum Interview mit den Mitarbeitern des Upcycling-Projekts Pulpo

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