Green City Life

“Ein Türöffner, der aussieht wie ein Tintenfisch”

GCL redet mit:  Stefanie Anhenn und Stefan Andl von PULPO über Kunst aus dem Rad. Wegwerfen war gestern, heute wird recycelt. Und nicht nur das, bei „PULPO – abgefahren in München“ wird sogar upgecyelt. PULPO ist ein gemeinschaftliches Upcycling-Projekt der Künstlerin Naomi Lawrence mit drei Münchner sozialen Betrieben.

Alte Fahrradteile aus der Radwerkstatt von „Dynamo Fahrradservice Biss e.V.“ werden bei PULPO recycelt und zu Stöfchen, Schlüsselbrettern und vielem mehr verarbeitet, ausgediente Schläuchen werden beim „Netzwerk Geburt und Familie“ zu originellen Taschen oder Geldbeuteln verarbeitet. Die Münchner Straßenzeitschrift BISS hat einige Patenschaften für die angestellten Näherinnen übernommen. Stefanie Anhenn hat bei Dynamo die Projektleitung für PULPO übernommen. Gemeinsam mit Kollege Stefan Andl erzählt sie von dem nachhaltigen Sozial-Projekt.

Green City Life: Wann wurde die Idee zu PULPO geboren?

Stefanie Anhenn: Die Gründung eines Upcycling-Projekts war nach dem Dynamo Fahrradservice BISS e.V. der logische nächste Schritt. Bei der Arbeit an den Rädern blieb einiges Material übrig, das viel zu schade ist zum Wegwerfen, vor allem, wenn man in jeder Hinsicht nachhaltig arbeiten will, wie wir. Die Künstlerin Naomi Lawrence hatte Lust darauf, kreativ mit uns zusammenzuarbeiten und so haben wir 2013 gemeinsam mit BISS und dem Netzwerk Geburt und Familie PULPO gegründet.

Green City Life: Warum der Name PULPO?

Stefanie Anhenn: Alle Produkte bei PULPO haben Namen von Meerestieren. Ungenutztes Material, also Müll im landläufigen Sinne, landet ja am Ende leider oft in den Ozeanen, die absolut schützenswerte Lebensräume sind. Daher haben wir für die upgecyceleten Wertstoffe unseren eigenen fiktiven Ozean gegründet. Pulpo heißt Tintenfisch, mit seinen vielen Armen ist er in unserer Idee das Zentrum all unserer Produkte.

Green City Life: Wie sind Sie zu PULPO gekommen?

Stefanie Anhenn: Erst mal bin ich zu Dynamo gekommen. Als alleinerziehende Mutter von Zwillingen hatte ich zuvor bei einem anderen Unternehmen ein neues Modell genutzt und eine Teilzeitausbildung zur Kauffrau Bürokommunikation begonnen. Bei einer Teilzeitausbildung ist der inhaltliche Umfang derselbe, die nötige Anwesenheitszeit ist aber reduziert. Das war für mich als zweifache Mutter perfekt. Doch dann ging das Unternehmen insolvent und ich stand plötzlich ohne Ausbildungsplatz da. Das Teilzeit-Ausbildungsmodell wurde von kaum einem anderen Unternehmen angeboten. Über mehrere Ecken habe ich erfahren, dass Dynamo Menschen dabei unterstützt, aus schwierigen Situationen ins Berufsleben zu finden. Und ich konnte tatsächlich hier anfangen und meine Ausbildung in Teilzeit abschließen. Ungefähr zu dieser Zeit haben wir auch PULPO gegründet, deshalb habe ich das Projekt sehr gerne übernommen, ich fand das von Anfang an sehr spannend.

Green City Life: Wie viele Kollegen arbeiten bei Dynamo für PULPO?

Stefanie Anhenn: Neben mir noch zwei Kollegen, Max Atzinger ist seit fünf Jahren bei Dynamo und für die Vorbereitungen der Materialien zuständig. Er erledigt seinen Job sehr gewissenhaft, Sie werden kaum ein so ordentliches Materiallager finden. Stefan Andl ist seit vier Jahren bei uns und baut einen Teil unserer Produkte, wie zum Beispiel die Schlüsselbretter oder Kühlschrankmagneten. Außerdem unterstützt er mich im Vertrieb unserer kleinen Kunstwerke.
Stefan Andl: Ja, wir haben eine Fahrradrikscha zum mobilen Verkaufsstand für PULPO umgebaut. Damit gehen wir auf Messen, passende Veranstaltungen oder – wenn wir dürfen – auch in die Foyers von großen Unternehmen.

 

Green City Life: Waren Sie zuvor auch in einem ähnlichen Bereich beschäftigt?

Stefan Andl: Nein, ich war früher Bäcker im Familienbetrieb. Das hier war für mich ganz neu und total aufregend, vor allem das erste Mal war schlimm. Aber dann habe ich gemerkt, dass mit das Spaß macht: mit Leuten reden und unsere Sachen vorstellen. Dass die Leute mir gerne zuhören.
Stefanie Anhenn: Herr Andl ist unser großes Verkaufstalent. Er hätte früher selbst nie vermutet, dass er mal so gelassen mit der Rikscha zum Beispiel im Foyer der Süddeutschen Zeitung stehen würde und ganz locker mit den Leuten quatscht.
Stefan Andl: Nein, das hätte ich nie gedacht!

Green City Life: Es ist toll, wenn plötzlich verborgene Talente zutage treten!

Stefan Andl: Ja, wegen meiner langen Arbeitslosigkeit hatte ich kein großes Selbstbewusstsein mehr, man fühlt sich ja nicht oft gebraucht. Bei PULPO habe ich aber herausgefunden, dass ich schon einige Sachen gut kann.
Stefanie Anhenn: Sehr gut sogar. Wenn Herr Andl richtig loslegt, redet er uns alle an die Wand.
Stefan Andl: Wir haben aber auch super Sachen, da ist es leicht, Werbung zu machen.

Green City Life: Welche Produkte bietet PULPO an?

Stefan Andl: Fast alles, was sich aus Fahrradresten herstellen lässt. Aus Schläuchen werden Geldbeutel und große oder kleine Taschen genäht. Wir machen auch Hosenbänder zum Fahrradfahren oder Mäppchen für Stifte. Ich selber baue aus Ventilen Schlüsselbretter und Kühlschrankmagnete. Die bekommen die Kunden manchmal sogar gratis dazu, wenn sie bei uns an der Rikscha etwas gekauft haben.
Stefanie Anhenn: Wir haben auch lustige Lampen, cooles Industriedesign, oder Tee-Stöfchen aus alten Fahrradritzeln. Manchmal bauen wir für Aktionen auch besondere Teile, zum Beispiel haben wir letztes Jahr im Rahmen der Kampagne der Stadt München für eine müllfreie Isar aus alten Fahrradteilen ein Müllmonster gebaut, das Müll spuckt. Leider durften wir es aus Brandschutzgründen dann nicht dort stehen lassen. Jetzt lebt es bis zu seinem nächsten Einsatz bei uns im Keller.

Green City Life: Welches Produkt mögen Sie am liebsten?

Stefanie Anhenn: Ich finde alle Sachen toll. Am besten vielleicht das Schlüsselbrett. Oder die Stöfchen.
Stefan Andl: Bei mir ist es Pulpo, das ist ein großer Türöffner, der aussieht wie ein Tintenfisch. Das ist für mich eine absolute Symbolfigur, weil PULPO mir auch eine Tür geöffnet hat. Und sie auch offen gehalten. So bin ich mit vielen Leuten in Kontakt gekommen, die ich sonst nie getroffen hätte.

Green City Life: Wo kann man PULPO -Produkte kaufen und wie kann man sich als Unternehmen die Verkaufs-Rikscha in die Lobby holen?

Stefanie Anhenn: Unternehmen können bei uns auch Kundengeschenke bestellen, die wir extra branden. Das sind tolle und nachhaltige Geschenke, die nicht nur kreativ sind, sondern auch sehr unterstützenswerte Sozialprojekte fördern. Sonst können sich die Unternehmensvertreter sehr gerne bei mir melden und wir vereinbaren, wann wir mit der Rikscha vorbeikommen können. Sonst sind wir bei vielen nachhaltigen Veranstaltungen vor Ort, zum Beispiel auch auf dem Münchner Streetlife Festival von Green City. Außerdem bieten einige Läden die PULPO-Produkte an. Und wir haben einen Online-Shop, da kann man die meisten Produkte bestellen.
Stefan Andl: Oder Sie kommen bei uns im Dynamo-Laden beim Ostbahnhof vorbei, hier steht die Rikscha, wenn wir nicht unterwegs sind und wir können Sie gerne beraten

Green City Life: Vielen Dank für das Gespräch.

Lesen Sie hier einen Bericht über den Dynamo Fahrradservice BISS e.V.

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Kontakt PULPO:
PULPO-Onlineshop
Tel. 089-448 72 00, Fax 089-688 72 74, Email: info@pulpo-muenchen.de
Laden Dynamo Fahrradservice Biss e.V., Haager Str. 11, 81671 München
Website Naomi Lawrence
Website Netzwerk Geburt und Familie
Website BISS

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