Green City Life

Idealstadt und Wirklichkeit

Seit der Antike geistern Theorien von der Idealstadt durch Philosophie und Architektur. Selten wurden Erwartungen und Versprechen erfüllt.

Dort auf der Anhöhe thront die Stadt. Sie ist ein leuchtendes Gebilde, für alle weithin sichtbar. Diese Stadt gibt es nicht wirklich. Sie ist ein Mythos, ein Sinnbild für Reinheit, ein imaginiertes Vorbild für Vollkommenheit. Ein Sehnsuchtsort. Die Stadt als Projektionsfläche für gesellschaftspolitische Utopien und Fantasien hat eine lange Geschichte. Schon Platon und Aristoteles benutzten in der Antike Städte als Bühne für ihre Idealvorstellungen eines Gemeinwesens.

In der frühen Neuzeit beschrieb der humanistische Schriftsteller Thomas Morus in „Utopia“ eine Stadt, in der alle Unterschiede zwischen ihren uniformierten Bewohnern aufgehoben sind. Ähnlich organisiert war Tommaso Campanellas „Sonnenstadt“ – ein Stadtstaat ohne Privateigentum samt genetisch optimiertem Fortpflanzungsdiktat. Dieser Entwurf entstand zur Hochzeit der Idealstädte in der Renaissance und der beginnenden Aufklärung.

Die Macht der Ideen

Wie der damalige Bauplan für die erste ideale Festungs- und Residenzstadt Sforzinda kennzeichnete auch die Sonnenstadt ihr streng geometrisch geordneter Grundriss. Die Formen der Wahl waren Kreise, Geraden, Rechtecke und Quadrate. Dahinter steckten mehr als nur ästhetische Vorlieben. Die Geometrie als Teil der Mathematik sollte Rationalität in Reinform vermitteln – ein Anspruch, der zum Geist der Aufklärung passte. Ich denke, also baue ich.

„Es ging um die Machbarkeit von Welt“, sagt Walter Siebel, Soziologe und Professor für Stadtforschung an der Universität Oldenburg. Siebel beschäftigt sich schon lange intensiv mit der Kultur der Stadt und den Voraus¬setzungen für Urbanität. Sein Fazit: Urbanität ist nicht planbar – was die Menschheit nicht davon abgehalten hat, es trotzdem immer wieder zu versuchen. Insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Konzept der Idealstadt durch die Industrialisierung und den damit einhergehenden technischen Fortschritt wiederbelebt. Den Futuristen schwebten extrem beschleunigte Hightechstädte vor, die Faschisten planten größenwahnsinnige Stadtmonumente und die Sozialisten uniforme Siedlungen für die Armee der Arbeiter.

Viele dieser Ideen blieben Papier, aber es gab doch auch einige wenige Versuche, das Ideal in die Realität zu überführen. Die italienische Renaissancefestung Palmanova im Friaul zum Beispiel ist noch heute von dem sternförmigen Grundriss und dem völlig überdimensionierten Exerzierplatz in der Stadtmitte geprägt. In Ostdeutschland galt Eisenhüttenstadt, das unter dem Motto „Stahl, Brot und Frieden“ in den 50er-Jahren als „Stalinstadt“ aus dem Boden gestampft wurde, als sozialistisches Ideal. Heute leidet es unter Bevölkerungsschwund.

Zum Umzug nach Brasilia, jene in Kreuzform geplante Hauptstadt im Landesinneren Brasiliens mit ihren raumschiffartigen Prachtbauten, mussten nach der Fertigstellung 1960 die zukünftigen Bewohner unter massiven Drohungen gezwungen werden. Auch heute noch spielt sich das wahre Leben dort eher in den Satellitensiedlungen im Umfeld der Stadt ab.

Das umgekehrte Schicksal ereilte Chandigarh in Indien, geplant vom Bauhaus-Stararchitekten Le Corbusier in 60 gleichförmigen Rechtecken und errichtet mit dem Anspruch, Indien zu modernisieren und zu „disziplinieren“. Doch diese Vision aus Beton scheiterte am indischen Alltag. Der Schweizer hätte wohl nie damit gerechnet, dass beispielsweise heilige Kühe den Verkehr auf den breiten Straßen der Stadt zum Erliegen bringen könnten. In Europa war Le Corbusier mit seinen Ideen indes erfolgreicher. An dem Stadtideal, das er 1933 in der „Charta von Athen“ festschreiben ließ, leiden europäische Städte noch heute: die funktionale Trennung in Wohnen, Arbeiten und Einkaufen – verbunden durch große Straßen für viele Autos. Man denke nur an das Geschäftsviertel La Défense in Paris oder die sechsspurige „Ost-West-Straße“, die eine Schneise durch das kriegszerstörte Hamburg schlug, auf der bald täglich 60.000 Fahrzeuge fuhren.

Das Ideal als Diktatur

Warum lassen sich gesellschaftliche Utopien eigentlich so gut auf Städte projizieren? „Die Stadt als greifbares Artefakt ist ein überschaubarer Gegenstand und schon seit jeher ein Ort der Emanzipation des Menschen von der Natur“, erklärt Siebel. Die Bewohner der Stadt müssen ihre Lebensmittel nicht mehr selbst produzieren. Dort können sie der sozialen Kontrolle der dörflichen Enge entkommen. Die Stadt ist nach wie vor ein Symbol für eine bessere Zukunft. Deshalb will Siebel Stadtutopien ihren Wert als Gegenentwurf zur Realität und als Kritik an bestehenden Verhältnissen auch gar nicht absprechen.

Und doch hat er einen gewichtigen Einwand gegen jede Art von Idealstadt: „Stadtutopien sind in erschreckendem Maße repressiv.“ Man denke nur an die Hauptstadt Utopias oder die Sonnenstadt. Ein idealer Zustand nämlich schließt Entwicklung und damit auch die Zukunft aus. Um das Ideal zu bewahren, müsste jede Veränderung, jede Abweichung von der Norm verfolgt werden. „Eine bedrückende Vorstellung“, sagt Siebel. Für den Wissenschaftler ist Stadt immer Licht und zugleich Schatten, ein Ort mit Platz für Bibliotheken und Bordelle gleichermaßen. Und vor allem: „Städte sind Erinnerungs- und Gedächtnisräume“, sagt Siebel. Urbanität ist ohne Vergangenheit und ohne Zukunft schlicht nicht denkbar und schon deshalb nicht auf dem Reißbrett planbar. So gesehen müssen neu gebaute Städte aus einem Guss immer unzulänglich bleiben. Eine Notlösung – bestenfalls.

Aber wegen der globalen Bewegungen von Menschen und Waren sind Stadt-Neubauten auf der grünen Wiese nicht zu umgehen. Für Albert Speer sind solche Megaprojekte mitnichten eine Steilvorlage, um eigene Ideale verwirklichen zu können: „Solche Theorien sind für uns in der Praxis überhaupt kein Thema.“ Speer ist nach wie vor einer der erfolgreichsten deutschen Städteplaner. Sein Büro „AS+P“ ist weltweit aktiv und hat in den vergangenen 50 Jahren zahlreiche Städte und Stadtteile neu geplant und gebaut – hauptsächlich in der arabischen Welt und in Asien.

Zum Beispiel die ökologische Wohn- und Geschäftsstadt Changchun in China, den Masterplan für die „6th of October“-City in Ägypten, aber auch Großprojekte wie das neue Europaviertel in Frankfurt am Main. Der Planung solcher Megaprojekte sollte man laut Speer mit größtem Respekt begegnen. Das Wesentliche für ihn ist dabei, die Rahmenbedingungen der künftigen Stadt zu berücksichtigen und sich intensiv mit dem Ort der Entstehung und seinen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Dazu gehören Geschichte, Kultur, Klima und natürlich die Menschen, die in dieser Stadt leben sollen. Für Speer ist Städteplanung ein langwieriger Prozess mit offenem Ausgang. „Die Planer sollten diesen Prozess moderieren und kein Bild produzieren“, meint Speer.

Deshalb müsse moderner Städtebau „in jeder Himmelsrichtung“ partizipativ sein. Aber selbst diese Vorgehensweise ist kein Garant dafür, dass eine Stadt von Menschen sofort angenommen wird und sich als zukunftsfähig erweist. „Es dauert oft eine Generation, bis so ein Projekt lebt“, sagt Speer. Die Stadt sei eben ein Organismus, der sich ständig, sehr schnell und in unvorhersehbarer Weise verändere. Stadtplanung hingegen sei schwerfällig und langsam.

Es gibt aber auch Konstanten: Grünflächen, Wohnraum, Möglichkeiten für Sport und eine ausgewogene Mischung an öffentlichen und privaten Rückzugsräumen wird eine moderne Stadt immer brauchen – genauso wie Ordnung. Schließlich muss dieses komplizierte Gebilde für seine Bewohner auch funktionieren. Eine ideale Stadt jedoch kann es und wird es nie geben, denn Städte leben von ihren Gegensätzen im Kontext von Raum und Zeit. „Stadt ist ein Ort der Überraschung“, sagt Siebel. Das ist vielleicht nicht ideal, aber auf jeden Fall gut.

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