Green City Life

Raus aus der Kohle – rein in den Klimaschutz!

Kohle und Klimaschutz – das schließt sich aus. Daher steigen viele Staaten jetzt endlich aus der Kohle aus. Und was passiert im “vorbildlichen” Deutschland?

Deutschland lässt dagegen die Kraftwerke weiterlaufen, aus Sorge um die Arbeitsplätze. Dabei ist der Strukturwandel machbar: Der Abschied von der Kohle eröffnet den betroffenen Regionen neue Chancen.

Am 30. März 2017 verloren die Bewohner von Mühlrose ihre Heimat. An diesem Tag teilte der Braunkohlekonzern Leag mit, dass das Dorf in der Lausitz der Erweiterung des Tagebaus Nochten weichen muss. Mehr als 200 Menschen werden in den nächsten Jahren umgesiedelt. Die unter Mühlrose lagernde Braunkohle braucht die Leag, um ihr benachbartes Kraftwerk Boxberg zu versorgen. Und zwar „langfristig“, wie der Konzern betont.

Moment – war da nicht was? Das Pariser Klimaabkommen? Die Energiewende? Das Ziel der Bundesregierung, die CO2-Emissionen bis 2050 um bis zu 95 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren? Alldem läuft die Entscheidung des Kohlekonzerns zuwider. Doch die Leag ist nicht das einzige Unternehmen, das an der Kohle festhalten will. Uniper zum Beispiel, ehemals Eon: Der Versorger bereitet derzeit die Inbetriebnahme eines neuen Kohleblocks in seinem bei Recklinghausen gelegenen Großkraftwerk Datteln vor. Um die immensen Investitionskosten hereinzuspielen, müssen solche Anlagen vierzig Jahre und länger laufen.

Spätestens 2031 muss das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen

Der Kohlekurs von Unternehmen wie Leag und Uniper steht im Widerspruch zur Vereinbarung von Paris, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen. Erreichen lässt sich dieses Ziel nur mit einem baldigen europaweiten Kohleausstieg, wie eine Studie des in Berlin ansässigen Thinktanks Climate Analytics zeigt. Das Klimaabkommen bedeute, dass spätestens 2031 das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen müsse. Die Bundesrepublik ist dabei besonders gefordert, meint Co-Autor Niklas Roming. „Nirgendwo in Europa wird so viel Kohle verbrannt wie in Deutschland“, sagt der Experte. In den letzten fünfzehn Jahren seien in der Bundesrepublik zahlreiche neue Kraftwerke errichtet worden. „Unsere Analyse zeigt, dass diese Anlagen lange vor Ende ihrer Lebenszeit geschlossen werden müssen, um das langfristige Temperaturziel des Pariser Abkommens einzuhalten“, erklärt Roming.

Doch während Länder wie Kanada, Großbritannien, Portugal und Finnland längst beschlossen haben, im Laufe des nächsten Jahrzehnts aus der Kohle auszusteigen, will sich Deutschland in dieser Frage nicht festlegen. So heißt es im Ende letzten Jahres verabschiedeten „Klimaschutzplan 2050“ – das Dokument legt die langfristigen Leitlinien der heimischen Klimapolitik fest – nur, dass die Bedeutung der Kohle für die Stromerzeugung abnehmen müsse. Wie das geschehen könnte, wann der Ausstieg vollzogen werden soll – davon ist keine Rede. Diese Entscheidungen wurden auf die kommende Legislaturperiode vertagt.

Strukturwandel im Ruhrgebiet: Weg von Kohle und Schwerindustrie, hin zu Bildung, Hightech und Dienstleistung. Dabei ist und bleibt es wichtig, die Bevölkerung vor Ort und lokale Akteure frühzeitig einzubeziehen.

Gegenüber der EU trat die scheidende Bundesregierung zuletzt sogar als Anwalt der Kohleindustrie auf: Deutschland setzte sich intensiv dafür ein, dass die neuen europäischen Schadstoffgrenzwerte für Kohlekraftwerke nicht so streng ausfallen, wie es die EU-Kommission vorsah. Die Regierung argumentierte mit den Kosten für das Nachrüsten der Anlagen. Doch ohne Erfolg, die Mehrheit der Mitgliedsstaaten überstimmte die Bundesrepublik. Das von der EU-Kommission angeführte Argument der jährlich 400.000 vorzeitigen Todesfälle durch die Luftverschmutzung wog für sie offenbar schwerer als die Interessen der deutschen Kraftwerksbetreiber.

Strukturwandel als Chance

Insgesamt vierzig Prozent trugen die heimischen Braun- und Steinkohlekraftwerke zuletzt zum Strommix bei. Seit 2011 ist der Anteil um gerade einmal vier Prozentpunkte zurückgegangen. Die Energiewende läuft hier bislang ins Leere. Die Kohlefraktion argumentiert vor allem mit den sozialen Folgen: Den Beschäftigten in den Braunkohletagebauen und den Kraftwerken drohe die Arbeitslosigkeit, wenn Anlagen vom Netz gehen. „Zuerst müssen wir für die vom Rückgang der Kohleverstromung betroffenen Regionen realistische und greifbare Perspektiven schaffen, bevor wir konkrete Schritte zur Verringerung der Kohleverstromung einleiten“, erklärte der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel bei der Verabschiedung des Klimaschutzplans 2050.

Ein solcher Strukturwandel ist machbar – und eröffnet den Regionen sogar neue Chancen. Das zeigt eine Studie, die das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) für den Versorger Greenpeace Energy erstellt hat. Danach beschäftigt die heimische Braunkohleindustrie im Rheinland derzeit rund 10.000 und in der Lausitz 8.300 Menschen. Da die Kohlekraft stetig an Bedeutung verliert, wird sich deren Zahl bis Ende 2030 auf insgesamt 8.900 reduzieren. Bei einem Kohleausstieg zu diesem Stichtag könnten die Jobs – zumindest auf Ebene der betroffenen Bundesländer – vollständig kompensiert werden, so die Forscher. Potenzial sehe sie dabei vor allem im Ausbau der Wind- und Solarenergie, aber auch bei der energetischen Gebäudesanierung, der Fertigung und Installation von Stromspeichern und weiteren Aufgaben und Herausforderungen im Rahmen der Energiewende.

Dabei mache es allerdings einen großen Unterschied, wie der Ausbau der erneuerbaren Energien angegangen werde, sagt Professor Bernd Hirschl vom IÖW. „Wenn er durch regional verwurzelte Akteure und im Bürgerenergierahmen vorangetrieben wird, entstehen durch den Ausbau von Windenergie und Fotovoltaik besonders viele Arbeitsplätze vor Ort“, erklärt der Wissenschaftler. Auch die regionale Wertschöpfung liege dann deutlich höher. Das Steueraufkommen steige, ebenso die Kaufkraft – was wiederum die lokale Wirtschaft stärke.

Gemeinsam besser planen

Während sich die Braunkohlebagger hierzulande wohl noch länger durch das Erdreich fräsen werden, steht das Ende für den Steinkohlebergbau unmittelbar vor der Tür: Bis Ende 2018 sollen die letzten Zechen geschlossen werden. Die zwischen Münster und Osnabrück gelegene Region Ibbenbüren mit ihren derzeit noch 2.000 Beschäftigten zeigt, wie das sozialverträglich vonstatten gehen kann. Sechs betroffene Kommunen haben sich hier zu einem Verbund zusammengeschlossen, der Ideen und Konzepte für die Nachnutzung der Schacht¬anlagen und Halden entwickelt.

Zuvor wurde eine umfassende Bestandsanalyse der Stärken, Schwächen und Potenziale der Region vorgenommen. Wenn der Kohlekonzern RAG 2023 die letzte Fläche geräumt hat, sollen alle Beschäftigten eine neue Stelle gefunden haben. „Die Besonderheit bei uns ist, dass wir mit den Planungen begonnen haben, während sich die RAG noch im Betrieb befindet“, erklärt Monika Umlauf von der „Schnittstelle Kohlekonversion“, die den Prozess koordiniert. So komme man schneller zu umsetzungsreifen Planungen, habe die RAG mit im Boot und könne frühzeitig eingreifen, etwa wenn Gebäude erhalten werden sollen. „Diese Ansätze lassen sich auch auf andere Regionen wie etwa die Lausitz übertragen“, so Umlauf.

Auch das Ruhrgebiet selbst bietet genug Beispiele für einen erfolgreichen Strukturwandel. Noch bis in die 80er-Jahre hinein dominierten Steinkohlebergbau und Stahl. Heute arbeiten mehr als zwei Drittel der Beschäftigten in der Dienstleistungsbranche. Städte wie Dortmund, Essen oder Bochum sind zu attraktiven Standorten für Unternehmen aus den Bereichen Gesundheit, Logistik, Informations-, Kommunikations- und Umwelttechnik geworden. Mit dieser Branchenvielfalt ist die Region heute wirtschaftlich deutlich robuster.

Investoren scheuen Kohle

Wenn die Politik den Strukturwandel mit einem baldigen Kohleausstieg nicht selbst einleitet, läuft sie Gefahr, die Instrumente für die Gestaltung des Umbruchs aus der Hand zu geben. Denn der Abschied von der Kohle ist unausweichlich – nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen. Investoren haben das längst erkannt. Überall auf der Welt ziehen Anleger wie Pensionskassen, Stiftungen oder Versicherungen ihre Finanzmittel aus Anlagen in fossile Energien zurück. Viele von ihnen begründen dies mit der fehlenden wirtschaftlichen Perspektive. So warnt die britische Bank HSBC vor einer „Carbon Bubble“: Mit dem globalen Kampf gegen den Klimawandel sinkt der Wert der Kohle-, Öl- und Gasvorkommen deutlich. Große Energiekonzerne könnten bis zu sechzig Prozent ihres Werts verlieren, wenn die Politik mit dem Klimaschutz Ernst macht. Da fast alle Banken, Versicherungen und Pensionskassen in solche Unternehmen investieren, wären auch sie vom Platzen der Blase stark betroffen. Kein Wunder also, dass Anleger von den fossilen Energien lieber die Finger lassen.

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