Green City Life

Lösungen für die letzte Meile

Onlineshopping boomt, immer mehr Päckchen werden bequem bis vor die Tür gebracht. Die “letzte Meile” ist ein Problem für die Städte. Doch es gibt Lösungen.

Die Schattenseite der bequemen Lieferungen: ihr Transport verursacht Lärm, Stau und -Schadstoffe. Zwischendepots, Lastenräder und -Minitransporter mit Elektroantrieb sollen die Städte auf der „letzten Meile“ entlasten.

Zum Beispiel das Glockenbachviertel in München: ein typisches Altstadtquartier, eng, dicht bebaut und für die vielen Autos von heute nicht ausgelegt. Selbst Anwohner mit Parklizenz finden oft keinen Parkplatz. Kurieren geht es genauso, sie stellen den Lieferwagen in zweiter Reihe oder auf dem Gehweg ab. Die Folge: „Anwohner kommen nicht mehr durch. Radfahrern und Fußgängern wird die Sicht versperrt oder sie werden beim Rückwärtsfahren übersehen“, sagt Merle Breyer, zuständig für City2Share im Referat für Stadtplanung und Bauordnung in München.

Im Rahmen dieses Projekts testet die Stadt München mit dem Paketzusteller UPS Lieferverkehr mittels Elektrolastenrädern. In den Stadtvierteln Isarvorstadt und Untersendling dienen seit Juli 2017 zwei Container und ein Anhänger als Zwischenlager. Morgens setzen Lkw die Mikrodepots samt Waren auf markierten Parkflächen ab. Die UPS-Boten ziehen die Pakete heraus und liefern sie per Elektro-lastenrad oder Sackkarre im Umkreis von einem Kilometer aus. Abends nimmt ein Laster die Container wieder mit. „Die Boten müssen mit dem Lkw nicht mehr quer durchs Quartier fahren und ständig anhalten. Zudem verursacht das Elektrolastenrad keinen Lärm und keine Abgase“, weiß Merle Breyer.

Die Suche nach Alternativen

Auch in anderen Städten suchen Stadtplaner, Verkehrsforscher, Fahrzeughersteller und Kurierdienste nach Alternativen für den innerstädtischen Warentransport. Zustellfahrzeuge machen inzwischen mehr als ein Drittel des Güterverkehrs in Städten aus. Allein 2016 wurden bundesweit 3,16 Milliarden Paket-, Express- und Kuriersendungen ausgeliefert – im Schnitt mehr als zehn Millionen pro Zustelltag. Schuhe, Pflanzen, Bücher, selbst Lebensmittel kommen per Lkw. Bis zu 250 Mal am Tag muss ein Kurier zwischenparken. Vor allem auf der „letzten Meile“, dem Weg vom Depot des Kurierdienstleisters bis zur Haustür des Kunden, drängeln sich die Transporter und belasten die Umwelt.

Könnte ein Elektrolastenrad den Laster wirklich ersetzen? Klar, meint Daniel Feske, Mechaniker und früher auch Fahrer bei Velogista. Die Boten des Berliner Lieferservice strampeln schon seit 2014 auf Lastenrädern mit E-Antrieb. Bis zu 250 Kilo Gewicht lassen sich in die 135 x 135 x 95 Zentimeter große Box hinterm Sattel laden. „Wir brauchen keinen Parkplatz, stehen nie in zweiter Reihe“, sagt Feske. Dank E-Motor beschleunigen die Radspediteure auf bis zu 25 Stundenkilometer. „Damit sind wir in der Stadt ähnlich schnell wie ein Transporter. Oft nehmen wir auch Schleichwege“, erzählt der 41-Jährige. Und wenn der Verkehr mal wieder steht, radeln „Velogistas“ am Stau vorbei.

„Viele Güter im städtischen Kuriermarkt sind klein und lassen sich auf Kurzdistanzen gut per Lastenrad transportieren“, sagt auch Johannes Gruber vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Der Verkehrsforscher begleitete den Flottenversuch „Ich ersetze ein Auto“, bei dem Kurierzentralen in acht deutschen Großstädten mit Elektrolastenrädern rund 127.000 Sendungen beförderten und etwa eine halbe Million Kilometer zurücklegten. 42 Prozent der Pkw-Fahrten und 19 Prozent der Fahrleistung ließen sich aufs Elektrolastenrad verlagern, so das Ergebnis des 21-monatigen Tests.

Im Umbruch: Elektrolastenräder können schon heute einen Großteil der Probleme lösen.

Wir wollen ein Fahrzeug für alles!

Großes Potenzial auf Kurzstrecken in der Stadt haben auch Elektronutzfahrzeuge. Konventionelle Antriebe nur durch Elektromotoren zu ersetzen, ändert noch nichts an Stau und Parkplatznot. Für das von der Bundesregierung zum Leuchtturmprojekt und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Projekt „Adaptive City Mobility“ entwickelt eine Gruppe aus Forschern und Unternehmen daher gleich ein neues Elektrofahrzeug, oder besser gesagt ein E-Mobilitätssystem: ein Fahrzeug mit Akkuwechselsystem, wie man es vom E-Bike her kennt, zeitgemäß kombiniert mit einem digitalen Buchungs- und Betreibersystem.

Das Fahrzeug besteht aus Aluminium und Faserverbundwerkstoffen, ist 550 Kilo leicht und 3,30 Meter kurz. Der Fahrer sitzt vorn mittig auf einem Schwenksitz, die beiden Gäste im Fond können ihre Beine an ihm vorbeistrecken. Hinter die Rückbank passen zwei große Koffer. Die händisch wechselbaren Akkus, sechs an der Zahl, liegen in einer crashsicheren Wanne im Fahrzeugboden. Zum „Tanken“ fährt der Fahrer zu einer Wechselstation, zieht die Wanne wie eine Schublade auf und tauscht die verbrauchten gegen aufgeladene Akkus aus – ohne lange an der Steckdose oder Ladesäule zu warten.

Der knuffige Elektrowagen ist Teil einer Flotte für verschiedene Einsatzzwecke. „Bisher ist ein Taxi ein Taxi, ein Mietauto ein Mietauto. Wir wollen ein Fahrzeug für alles!“, sagt Jessica Le Bris, Leiterin Mobilität bei der Umwelt-Projekt-Agentur Green City Projekt. Nicht nur Taxiunternehmen, auch Kuriere, Pflege- und Sozialdienste, Handwerker, Pizzaboten und Privatleute sollen das Fahrzeug als Gesamtmobilitätssystem nutzen. „Jeder, der einen Führerschein hat, kann das Fahrzeug über eine App buchen“, sagt Le Bris. Der Elektrozwerg soll rund um die Uhr im Einsatz sein, um lange Stillstandzeiten wie bei herkömmlichen Taxis oder Car-Sharing-Fahrzeugen zu vermeiden. Ein Prototyp wird gerade gebaut; der Labortest soll 2018 in Verknüpfung mit dem EU-Projekt CIVITAS ECCENTRIC im Domagk¬park in München starten, an dem auch das Kreisverwaltungsreferat der Landeshauptstadt München beteiligt ist.

E-Mobilität: Im Rahmen des Projekts Adaptive City Mobility entsteht ein Fahrzeug mit Akkuwechselsystem, wie man es vom E-Bike kennt.

Viele Lieferanten stellen Pakete während des Berufsverkehrs zu. Das ist doppelt widersinnig: „Wir wollen den Lieferverkehr aus der Rushhour rausbekommen“, sagt Professor Alex Vastag, Leiter des Bereichs Verkehrslogistik am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML. Mit dem Projekt „GeNaLog – Geräuscharme Nachtlogistik“ wollen die Fraunhofer-Forscher Lärm, Staus und Schadstoffen durch Diesel-Lkw entgegenwirken. Drei Filialen des Projektpartners Rewe wurden in Köln im Frühjahr 2017 mit Elektro-Lkw beliefert, wobei die akkubetriebenen Achtzehntonner erst zwischen 21 und 24 Uhr anrückten.

Auch die Filialen des Projektpartners TEDi in Dortmund beliefern seit 2014 zwei Elektro-Lkw. Ihr E-Antrieb, die speziell beschichtete Laderampe und die Rollcontainer mit Gummireifen sind wesentlich leiser. Zudem wurden die Fahrer angewiesen, keine Türen zu schlagen und den Piepton beim Rückwärtsfahren auszuschalten.

Langfristige Vorteile

Die Anwohner profitierten von weniger Lärm, Abgasen und Gerüchen. Aber auch für die Händler rentiert sich der Einsatz: „Die Lkw stehen seltener im Stau und brauchen für die Auslieferung deutlich weniger Zeit“, sagt Vastag. Zwar schreckten viele Betriebe noch vor den hohen Investitionen zurück – Elektro-Lkw kosten zwei- bis dreimal so viel wie Dieselfahrzeuge –, trotzdem könne sich der Umstieg langfristig rechnen. E-Motoren gewinnen beim Bremsen einen Teil des Fahrstroms zurück. Daher liegen die „Kraftstoffkosten“ auf Strecken mit häufigem Anfahren und Abbremsen bis zu 65 Prozent niedriger als bei Lastern mit Verbrennungsmotor.

Wenn erste Elektronutzfahrzeuge ab 2020 in Serie gefertigt werden, dürften die Preise deutlich sinken, prognostiziert Vastag. Zudem setzen drohende EU-Strafen wegen überhöhter Feinstaub- und Stickoxidemissionen viele Städte unter Handlungsdruck. „E-Mobilität im innerstädtischen Lieferverkehr wird sich durchsetzen“, ist sich der Verkehrsforscher sicher. Den Städten würden die leisen Packesel guttun.

Anders unterwegs

City2Share: BMW, die Stadt München, Siemens, UPS und weitere Partner testen nachhaltige Verkehrsformen, darunter Mobilitätsstationen für Elektrofahrzeuge und Lieferverkehr mit E-Lastenrädern. City2share

Civitas Eccentric: An der Mobilitätsstation im Domagkpark in München leihen sich Bewohner E-Lastenräder, E-Bikes oder ein Elektroauto. Eine zentrale Packstation verhindert, dass Lieferwagen durchs Viertel rollen. Civitas Eccentric

Leihlastenräder: Für Privatleute aus ganz München schnell und unkompliziert bei Green City oder den Lastenradlern. Green City, Lastenradler

Smarter Together: In Neuaubing-Westkreuz/Freiham entstehen bis zu acht Mobilitätsstationen mit Carsharing, E-Bike- und Pedelecverleih. Lieferdienste sollen Sendungen in Quartiersboxen deponieren. Smarter Together

GeNaLog – Geräuscharme Nachtlogistik: Elektro-Lkw beliefern Händler außerhalb der Rushhour. Genalog

Adaptive City Mobility: Forschungsprojekt, bei dem sich Privatleute, Dienstleister und Betriebe ein Minielektroauto teilen sollen. Adaptive City Mobility

Pilotprojekt „Ich entlaste Städte“: Büros, Handwerker, Sozial- oder Pflegedienste testen Elektrolastenräder. Lastenradtest

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