Green City Life

Secondhand statt gebraucht

Das Geschäft mit Secondhand-Produkten boomt. Dabei entsteht in gewissen Branchen ein Run auf die Produkte – auch weil es so gut zum Zeitgeist passt.

Vom Turnschuh bis zur Mikrowelle, vom Mountainbike bis zum Handy¬aufladegerät: Fast alles kann man heute gebraucht kaufen. Das Geschäft mit Secondhandprodukten boomt – auch weil es so gut zum Zeitgeist passt. Es vereint Digitalisierung, Umweltbewusstsein und Individualismus.

In dem grünen, gemütlichen Hinterhof steht ein halbes Dutzend Fahrräder aneinander gelehnt, in Weinrot, Dunkelblau und Silber. Sie alle sind sichtbar nicht fabrikneu, aber schön: liebevoll gearbeitete Details, Logos in den grellen Farben eines anderen Jahrzehnts, ein klares, einfaches Design. Im Laden dahinter zählt Carina Cordova gerade das Inventar. Es ist nicht einfach, auf den wenigen Quadratmetern zwischen Lenkerbändern, Reifen und Rahmen den Überblick zu behalten.

In zehn Minuten ist Feierabend, noch immer kommen Kunden. Junge Männer mit Bart schieben ihre Räder in den Hof in Giesing. Die Adresse in der Tegernseer Landstraße 22 ist ein Geheimtipp unter Fans alter Rennräder. Seit 2011 betreibt Cordova den Laden „Druxs“ mit ihrem Partner, dem Ex-Radprofi Olafur Druxs. Dass die Liebhaberschrauberei des Ungarn zu einem Geschäft geworden ist, von dem die beiden sechs Kinder ernähren, liegt an ihrer besonderen Arbeit: Die beiden restaurieren und verkaufen alte Räder nur mit Originalteilen. Es hat aber einen weiteren Grund, sagt Cordova: „Wir hatten Glück, dass kurz danach ein Hype begann.“

Mit dem Hype meint Cordova die Mode, alte Rennräder zu fahren – und dies wiederum steht für eine der wichtigsten Konsumentwicklungen der vergangenen Jahre. In Städten wie München steigt die Zahl der Flohmärkte. Ebay-Kleinanzeigen brummt, in sozialen Netzwerken gibt es „Zu verkaufen“-Gruppen, in denen von Blumenkästen bis Parfümflacons alles zu finden ist. Schon immer war Secondhand eine Einkaufsmöglichkeit vor allem für Menschen mit kleinem Einkommen. Dass das auch heute noch gilt, kann Mechthild Laier, Leiterin Organisation und Soziales der gemeinnützigen Weißer Rabe Gruppe in München, bestätigen: „Unsere Gebrauchtwarenkaufhäuser laufen sehr gut. Ein Großteil unserer Kunden kauft bei uns ein, weil es günstig ist, nicht wegen irgendwelcher Trends.“

Anders die Druxs-Kunden, die sich durchaus auch ein neues Rad leisten könnten: „Zum einen kommen Leute mit Geld, denen das Design wichtig ist, Architekten und Ärzte, die etwas Besonderes wollen“, erzählt Carina. Die anderen seien junge Hipster, die es schön finden, das Rad des Opas herrichten zu lassen. Heute denkt eben auch bei Flohmarkt keiner mehr an Flöhe (obwohl der Name vom Tier stammt), stattdessen werden gebrauchte Waren als „pre-loved“ beschrieben.

Unser Verhältnis zu Konsum und Dingen hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Viele Jahrhunderte lang konnten sich nur wenige Menschen Neues leisten oder gar Dinge, die über das Lebensnotwendige hinaus-gingen. Stattdessen trugen sie die Kleidung ihrer Vorfahren, verwendeten deren Geschirr und Werkzeuge. Eine Auswahl gab es in den meisten Bereichen sowieso nicht.

Der Wandel hin zu neuen Dingen begann mit der industriellen Produktion: Im 18. und vor allem 19. Jahrhundert konnten sich breitere Schichten Menschen mehr kaufen. Seitdem, so diagnostiziert der Philosoph Gernot Böhme, der 2016 das Buch „Ästhetischer Kapitalismus“ veröffentlicht hat, geht es im Westen nicht mehr vorrangig um elementare Bedürfnisse. „Die sind heutzutage leicht und vollständig befriedigt.“ Stattdessen hat sich der Konsum verändert. Böhme nennt das, was statt den Grundbedürfnissen eintritt, Begehrnisse. Es geht um die noch bequemere Couch, den noch aufregenderen Urlaub, das noch ungewöhnlichere Fahrrad. „Heute wollen wir nicht einfach leben. Wir wollen schön leben“, sagt Böhme.

Dabei erfüllt der Konsum das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Individualität. „Heute geht es vor allem darum, gesehen zu werden“, befindet Böhme. Je mehr Menschen sich Dinge kaufen können und dürfen, umso stärker wird Konsum zum Mittel, die Persönlichkeit auszudrücken. Geschmack, schreibt Böhme, sei „das Distinktionsvermögen schlechthin. Nämlich die Kompetenz der Auswahl von Dingen, mit denen man sich umgibt, der Kleidung, die man trägt, und sogar der Freunde, denen man sich zugehörig fühlen kann.“

Und in einer Welt, in der jedes Produkt zigtausend Mal existiert, funktioniert diese Distinktion besonders gut über ungewöhnliche Waren – die Vintagesonnenbrille, das italienische Rennrad, die Jugendstiletagere vom Flohmarkt. Gegenstände, das wissen Marketingexperten schon lange, haben im Idealfall eine Geschichte, die beim Nutzer Gefühle weckt. Während gewisse Jeanshersteller Risse in neue Hosen machen, um sie nach Abenteuer aussehen zu lassen, hat die Paillettenjeans aus der Secondhandboutique genau diesen Vorteil: eine echte Geschichte.

Die Vorstellung von der Geschichte hinter der Gebrauchtware gefällt auch Janina Ventker. Die 28 Jahre alte Münchnerin war schon als Kind mit ihrem Vater auf Flohmärkten unterwegs. Bis heute geht sie jedes zweite Wochenende auf die Jagd, kauft vor allem Einrichtungs- und Dekogegenstände. Sie findet solche Dinge schöner als „eine Ikea-Kommode, wie sie jeder daheim hat“. Und während sie zu Schulzeiten als Nerd galt, weil sie am Samstag um sieben auf Flohmärkte fuhr, kommen heute öfter Freundinnen mit. Aber für viele der Käufe und Verkäufe muss sie das Haus nicht verlassen. Auf Ebay-Kleinanzeigen verkauft sie Dinge, die ihr nicht mehr gefallen, oder sucht neue Accessoires.

Die Digitalisierung hat den Markt für Gebrauchtes fast zu dem gemacht, was Volkswirte „ideal“ nennen: Angebot und Nachfrage treffen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit. Musste man früher auf der Suche nach einer Bauerntruhe wochenlang die „Kurz & Fündig“ durchforsten, ist das gewünschte Objekt heute oft wenige Klicks und eine Überweisung entfernt. „Das Ganze offline zu organisieren, wäre mir zu aufwändig“, sagt Ventker. Zumal sie mit dem digitalen Austausch gute Erfahrungen macht. Vor allem Ware, die zu wertvoll ist für den Flohmarkt, wird sie online zu guten Preisen los und lernt Menschen kennen, die sich auch für Altes und Ungewöhnliches begeistern.

Auch aus Händlersicht hat der digitale Markt Vorteile: Carina von Druxs kriegt mittlerweile Anfragen aus Brasilien, und weil sich offenbar online rumgesprochen hat, dass der Laden eine Besonderheit ist, kommen japanische Touristen in den versteckten Hof in Giesing. Sie alle, Käufer, Verkäufer, Neugierige, eint oft auch ihr Umweltbewusstsein. Die Produktflut der vergangenen Jahrzehnte, Fast Fashion und Wegwerfmentalität haben eine Gegenbewegung hervorgerufen. Immer mehr Menschen suchen zunächst nach gebrauchten Dingen, bevor sie in einen Laden gehen.

Auch Janina Ventker stört die Idee, Dinge wegzuwerfen. Deshalb ist sie auch an eines ihrer Lieblingsstücke gekommen: einen 50er-Jahre-Kleiderschrank mit passendem Schminktisch. Bei einer Haushaltsauflösung sollte alles weggeworfen werden, sie hat sich nochmals umgeschaut und ist fündig geworden. Sie mag die Vorstellung, dass ihre Einrichtung mal der Oma einer Freundin ihrer Mutter gehört hat – und eben nicht wie die anderen Sachen aus dem Nachlass auf dem Müll gelandet ist.

Ob die Menschen insgesamt weniger Neues kaufen, ist eine andere Frage. Noch besitzt jeder Europäer im Schnitt 10.000 Gegenstände. Noch steigt die Zahl der jährlich erworbenen Kleidungsstücke, Einkaufszentren boomen, Amazon wächst. Das wird die Secondhandkultur nachhaltig beeinflussen. Heutige Flohmarktwaren stammen oft aus den 40er- bis 70er-Jahren. Möbel und Kleidung wurden damals sorgfältig hergestellt und gepflegt. Auch die Rennräder von Druxs halten noch ewig. Ob das mit den Massenprodukten von heute in 30 Jahren auch so sein wird?

Carina Cordova bezweifelt es: „Moderne Fahrräder bestehen oft zu großen Teilen aus Plastik. Die gehen einfach kaputt.“ Trotzdem glaubt sie, dass ein Anfang gemacht ist: Einzelne Kunden ersetzen sogar ihr Auto durch ein Rad. Kein Wunder, das Auto hat mittlerweile ein Imageproblem. „Die Deutschen“, sagt sie und grinst, „müssen was haben, das sie zur Schau stellen. Da ist doch ein seltenes Rennrad besser als ein neues Auto.“

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