Green City Life

Stadt den Kindern

Wir müssen Kinder ernst nehmen und ihnen ermöglichen, ihr Umfeld aktiv mitzugestalten. Denn wer früh erfahren hat, dass er Positives bewirken kann, kennt auch als Erwachsener den Wert von Engagement und Solidarität.

Das stattliche Haus ist das Enfant terrible der Straße. Sein Untergeschoss ist einsturzgefährdet. An den Backsteinmauern leuchten Graffiti und Plakate kleben in dicken Schichten übereinander. Die Fenster sind fast blind. Das ehemalige „städtische Brausen- und Wannenbad“ – vulgo Tröpferlbad – in der Isarvorstadt entspricht nicht dem fröhlichen Idyll, das Erwachsene üblicherweise mit passenden Aufenthaltsorten für Kinder und Jugendliche in Verbindung bringen. Vielleicht übt das alte Gemäuer gerade deshalb eine so große Anziehungskraft auf die jungen Bewohner dieses kinderreichen Viertels in der Münchner Innenstadt aus. Dieses Haus verspricht Abenteuer jenseits der luxussanierten Fassaden der Stadt.

Das Tröpferlbad ist auf jeden Fall der richtige Ort für die Kindereinwohnerversammlung, zu der sich Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren des Viertels jedes Jahr treffen. Ein Plenum, in dem sie ihre Probleme und Wünsche äußern können. Über die Anträge stimmen sie per Hand ab. Die Beschlüsse werden dann offiziell an die Stadt weitergeleitet, welche diese prüft, beantwortet und einiges davon
umsetzt. Es geht dabei um Skateboardrampen, um Boulderwände, um mehr Fläche vor dem Jugendzentrum oder um den Bolzplatz an der Isar, wo der Ball dooferweise immer so schnell im Fluss landet. Bei allen Unterschieden ist den Anträgen eines gemeinsam: Die Kinder wollen die Stadt mitgestalten und für sich besser nutzbar machen.

Die Stadt als Erlebnisraum, als Platz zum Spielen

Beate Bidjanbeg vom Bezirksausschuss, einer Art Stadtteilparlament, hat diese Versammlungen vor acht Jahren ins Leben gerufen. Damals war sie die Erste, die sich als Stadtviertelpolitikerin in dieser direkten Art für die Rechte von Kindern starkgemacht hat: „Nicht nur bei uns in der Isarvorstadt ist der Parkplatz immer noch wichtiger als der Spielplatz. Ich finde das pervers.“ Mit dem Wort Spielplatz meint Bidjanbeg nicht nur die umzäunten Flächen mit Rutsche und Sandkasten, sondern die Stadt als Erlebnisraum, als Platz zum Spielen. Früher gehörten die Straßen der Großstädte nämlich nicht vornehmlich den Autos und Erwachsenen, sondern auch den Kindern, die Fußball spielten, Rad fuhren oder sich einfach nur trafen. Heute sind Kinder im Stadtbild ein seltener Anblick.

Das liegt am Verkehr und an gesellschaftlichen Veränderungen. Kinder verbringen die meiste Zeit in der Schule oder im Hort. Danach geht es weiter zur Nachhilfe, zum Musik oder zum Sportunterricht. Die allgegenwärtigen Handys, Computer und der Fernseher tun ihr Übriges. Und so vieles ist verboten: Lärmen im Hinterhof, Betreten von Rasenflächen, Skateboardstunts auf öffentlichen Plätzen. Für freies Spiel an der frischen Luft bleibt der Spielplatz, wo die Kinder sich treffen können – meist unter Aufsicht der eigenen Eltern, die ihren Nachwuchs von den Sitzbänken aus immer im Blick haben.

Der Spielplatz, entstanden so um 1900, ist ein relativ junges Phänomen – und schon seit den 70er-Jahren ziemlich umstritten. „Der Spielplatz ist ein Getto“, sagt Günter Beltzig. Harte Worte, aber der 76-jährige Spielplatzdesigner scheut keine Kontroverse, um seiner Botschaft Nachdruck zu verleihen: Kinder brauchen keinen Spielplatz. Vielmehr seien diese Orte mit den häufig nicht gerade fantasiefördernden „Manipuliergeräten“ den Bedürfnissen der Erwachsenen nach Ruhe und Sicherheit geschuldet, „Krücken für eine falsche Wohn- und Stadtplanung“. Durch den Spielplatz haben Kinder den Zugang zum öffentlichen Raum verloren und damit viel von ihrem Freiraum. Raum, in dem Kinder unter sich sein können und unbeobachtet sind. Raum zur freien Entfaltung, Raum zum Entdecken, Erfahren und Lernen.

Mal in die Knie gehen

Aber was tun in rasch wachsenden Städten, wo es so gut wie keine Freiräume mehr gibt, weil alles zugebaut wird? Für Beltzig ist der Weg das Ziel – im Wortsinn. Die Kinder sollen nicht mehr auf isolierten Inseln wie Schule, Spielplatz oder Sportverein „geparkt“, sondern wieder mobil gemacht werden. Dafür aber müssten Wohn- und Neubaugebiete neu und anders erschlossen und Schulen, Kindergärten, Hinterhöfe und Spielplätze miteinander durch autofreie Wege verbunden werden. Anstatt einen lieblosen Spielplatz in die hinterste Ecke des Neubaugebiets zu bauen, sollte das Geld dafür lieber an die Kommune gehen, die dafür einen Spielraum gestalten könnte.

Und warum nicht die Dächer eines Neubaugebiets als Sozialraum für alle gestalten – wenn die verkehrsreichen und zugeparkten Straßen diese Funktion nicht mehr erfüllen? Für Günter Beltzig entscheiden immer die Besonderheiten der Umgebung über die Art des Spielraums. Mehr Flexibilität und vor allem auch Empathie für kindliches Empfinden und Spielverhalten sind aber in jedem Fall hilfreich. Deshalb rät Beltzig auch allen Stadtplanern und Architekten „einfach mal in die Knie zu gehen“. Mit dieser Methode hat auch Christine Peterburs interessante Erfahrungen gemacht. Sie ist auf familienfreundliche Stadtplanung spezialisiert. Seit neun Jahren arbeitet sie für „Stadtkinder“ in Dortmund – einem der ersten Planungsbüros, das explizit die Belange von Kindern berücksichtigt. In allen Planungen der „Stadtkinder“ werden die kleinen Bewohner zurate gezogen.

„Kinder haben gute, kreative und innovative Ideen, auf die ein Erwachsener nie kommen würde“, sagt Peterburs. Wenn sie mit einer Kindergruppe auf Stadtteilexkursion geht, sieht Peterburs das Gelände danach oft mit anderen Augen. Sie hat interessante Ecken entdeckt, weiß, wo Kinder Angst haben und wo ihnen der Verkehr gefährlich erscheint. Diese frühe Partizipation ist politische Bildung. Durch die Erfahrung, das unmittelbare Umfeld aktiv mitgestalten zu können, entwickelt sich ein Bewusstsein für Verantwortung und Solidarität. Doch es gibt eine Kehrseite der Medaille: Allzu oft entpuppen sich solche Partizipationsprojekte als Alibiveranstaltung, auf der das Recht zur Mitsprache lediglich simuliert wird. „Das ist der Super-GAU“, sagt Peterburs. Die Erfahrung, dass man sich einbringt und dann ohne weitere Erklärung übergangen wird, sei tödlich für eine demokratische Gesellschaft. Aber viele Städte und Kommunen beginnen umzudenken. So betreut „Stadtkinder“ momentan einen Zusammenschluss von 22 Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die mehr
„Freiraum für Kinder“ schaffen wollen. „Ein großer Teil der Arbeit ist es, die Eltern zu gewinnen“, so Peterburs.

Ziel ist ein Zugehörigkeitsgefühl

Jenseits der oft mühsamen Arbeit an der Basis leuchtet das noch ferne Ideal der „bespielbaren Stadt“. Aber es gibt erste Schritte in diese Richtung. Im Parque Madrid Río wird dieser Anspruch schon sichtbar. Entlang der Flusspromenade des Manzanares ist ein Spiel- und Erholungsgelände für Kinder und Erwachsene gleichermaßen entstanden, ein Raum für (alters-)grenzenloses Spiel. Oder der „play:ground“ auf Governor’s Island in New York, den Kinder für sich selbst entdecken und gestalten sollen – Risiken werden dabei bewusst in Kauf genommen. Ziel ist es, ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Das ist auch die Idee hinter Mini München, in dem Münchner Kinder schon seit über 30 Jahren während der Sommerferien erleben können, wie Stadt funktioniert.

Solche Spielstädte gibt es mittlerweile in vielen weiteren Städten. Dort erleben die jungen Bürger fast alles im Kleinen, was eine Stadt auch im Großen bestimmt. Mini München ist Learning by Doing, eine Schule für ein selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Leben in der Stadt. Und was lehrt uns Erwachsene diese Schule? Dass Kinder aktive und engagierte Bürger sein können und wollen. Man muss sie nur lassen.

Weitere Informationen

Kinderspielstädte
Mini München, die Spielstadt

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