Green City Life

Zarte Pflanze Subkultur – wo darf sie blühen?

Wo wächst Subkultur? Ein Streifzug durch die Münchner Szene, der es deutlich an Freiraum mangelt – in jeder Hinsicht.

Am Stadtrand eine verwunschene Gründerzeitvilla, umgeben von einem herrschaftlichen Park. In München wäre darin wohl eine Bank untergebracht, eine große Anwaltskanzlei, vielleicht auch eine Versicherungsgesellschaft. In Darmstadt treten in dieser Villa Bands auf. Keine großen Namen. Die Villa wird seit 1976 als städtisches Jugendhaus genutzt und gehört zum festen Bestandteil der subkulturellen Konzertszene in Deutschland. Die Villa bietet Musikern eine Bühne, die mit dem Kommerz der organisierten Kreativbranche nichts anfangen können.

So eine Band ist das Münchner Quintett Friends of Gas. Deren Debütalbum erschien im Herbst 2016. Die nationale Musikpresse lobte den Noiserock-Sound. Von besonderem Interesse war aber auch die Herkunft der Band. Die Friends of Gas kommen aus München, einer Stadt, die nur selten in einem Atemzug mit Subkultur genannt wird. Die Bandmitglieder sind so um die 30 und damit an einem Punkt im Leben, an dem spätestens ein herkömmlicher Lebenslauf vom Studentenleben ins Berufsleben übergeht. Ein Zeitpunkt, zu dem auch die meisten Bands aufhören, zu Auftritten zu fahren, die so bezahlt sind, dass sie damit in einer Stadt wie Leipzig vielleicht noch gerade so über die Runden kommen können. Nicht aber in der teuersten Stadt Deutschlands.

„In München davon zu leben ist unmöglich“, sagt Thomas Westner, Gitarrist bei den Friends of Gas. Doch man könne sich einrichten, verschiedene Jobs machen und das Leben dabei auf die Band ausrichten. „Wir wollen mitnehmen, was geht“, sagt Westner. Also setzen sie sich jedes Wochenende ins Auto, spielen in der ganzen Republik und beantworten danach ungläubige Fragen: „Was, in München gibt es solche Bands?“

Keine Subventionen

Die Frage ist berechtigt, denn die bayerische Landeshauptstadt inszeniert sich gerne als wohlhabende und lebenswerte Wirtschaftsmetropole. Dass es Kultur braucht, die für das werte Leben sorgt, ist allen klar. Doch wenn es um die Verteilung der Subventionen geht, zeigt sich schnell, wo der Schöngeist haust. Zuerst kommen die repräsentativen Einrichtungen wie die Bayerische Staatsoper, das Residenztheater oder die Pinakotheken. Aber auch ein Großteil der Unterstützung für die freie Kunst- und Kulturszene landet bei etablierten Kunstformen wie Theater oder bildender Kunst.

Subkultur hingegen spielt in einer anderen Liga. Es handelt sich dabei um Kunstformen, die aus einem nicht akademischen Umfeld und ohne öffentliche Subventionen entstehen. Diese Art von Kunst ist für die Weiterentwicklung der Kunst, der Gesellschaft und der Stadt jedoch sehr wichtig. Schließlich will keiner in einem aseptischen Museum leben, in dem man schläft, arbeitet und ab und an edel präsentierte Kunst betrachtet, die schön anzusehen ist, aber sonst nicht viel mit der Realität zu tun hat. Subkultur hingegen hält die Stadt lebendig und bringt Bewegung in die Gesellschaft. Subkultur regt an – die Vorstellungskraft oder auch den Widerspruchsgeist. Einer Stadt wie München kann Subkultur nur guttun.

Die gute Nachricht: Es gibt Subkultur in München, genauso wie es Orte gibt, die man angesichts des glänzenden Images der Stadt nicht erwartet. Etwa das frühere Kasernengelände an der Dachauer Straße, Ecke Schwere-Reiter-Straße, das zuletzt städtische Verwaltungseinrichtungen beherbergte und heute von Künstlern und Veranstaltern bespielt wird. Etabliertes wie das Dok.Fest oder die Theater- und Musikbühne „Schwere Reiter“ haben dort ihre Räumlichkeiten. Dringt man ein bisschen tiefer in das Gelände vor, wird es wilder. Hier findet sich das „Mucca“, ein Ort für Community-Arts, oder das „International Munich Art Lab“, ein Kunst- und Kreativprojekt für Jugendliche. Und ganz hinten in der Ecke das Import-Export. Einst in einem ehemaligen Laden im Bahnhofsviertel untergebracht, entwickelte es sich hier zur Bühne für alles, was in einer Stadt wie München sonst durchrauscht. Geflüchtete DJs treten dort genauso auf wie Indie-Pop-Sängerinnen oder japanische Metalbands.

Für Thomas Westner zeigt dieses Gelände den richtigen Weg auf: „Da passiert etwas, der Ort wird für viele wichtig.“ Festmachen kann er das vor allem daran, dass auf diesem Gelände noch nichts definiert ist. In den Hallen sind mal Ausstellungen, mal Partys. Dann wieder Theateraufführungen oder das Panama Plus Festival, ein spartenübergreifendes Underground-Pop-Festival. „Es ist reizvoll, dass es da keine feste Nutzungsdefinition gibt“, sagt Westner. Deshalb könne dort etwas entstehen, was an vielen anderen Orten nicht möglich sei: „Auf dem Gelände an der Dachauer Straße können Dinge spontaner stattfinden.“ Doch die verschiedenen Nutzergruppen haben nur befristete Zwischennutzungsverträge, denn die Stadt selbst interessiert sich für dieses Gelände. Immerhin: Ein Kreativquartier für Wohnen und Kunst soll dort entstehen.

Damit Subkultur entstehen kann, braucht sie Raum. Zunächst einmal in Form von Bühnen, Probenräumen oder Ateliers. Raum ist in München rar und teuer, weshalb sich Menschen wie Daniel Hahn ihren Raum einfach selbst machen: „Ich habe aufgehört daran zu glauben, dass
ich einen fertigen attraktiven Ort finden kann, der bereits eine spannende Geschichte erzählt. Deshalb haben wir irgendwann angefangen, selbst solche Orte zu schaffen. Weil wir gemerkt haben: Am leichtesten ist es noch, eine Freifläche zu bekommen und da dann etwas Eigenes zu erschaffen“, erklärt er in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Seit 2012 veranstaltet Hahn Konzerte, Clubnächte und Ausstellungen in Zirkuszelten oder dem ehemaligen Bahnwaggon namens „Bahnwärter Thiel“.

Zuletzt hat er die MS Utting, den alten Ausflugsdampfer, im Frühjahr dieses Jahres in einer spektakulären Aktion vom Ammersee auf die stillgelegte Eisenbahnbrücke in München transportiert. Subkultur braucht aber auch Raum in einem ideellen Sinn. Sie braucht Freiheit und Unbefangenheit, damit etwas entstehen kann. Wie in Leipzig oder in Berlin, wo auf ungenutzten Brachflächen oder in verlassenen Fabriken Clubs und Kulturzentren entstanden sind, die heute als so prägend für diese Städte wahrgenommen werden.

Kreativität von unten

Dass sich so etwas auch von unten heraus, also von den Kreativen selbst, entwickeln lässt, zeigt der Bürgerpark Oberföhring als Münchens beständigstes Beispiel für Subkultur. In den Achtzigerjahren kamen Forderungen auf, das Gelände, das im Zweiten Weltkrieg als Luftwaffenlazarett genutzt wurde und später das Städtische Krankenhaus Oberföhring beherbergte, den örtlichen Vereinen zur Verfügung zu stellen. Diese hatten sonst keinen Raum im Viertel. Aus dem Provisorium wurde nach viel Diskussion, einer kurzfristigen Hausbesetzung und einigen politischen Auseinandersetzungen ein erfreulicher Dauerzustand.

Die 12 Baracken beherbergen heute 17 Vereine, die diese auf sehr unterschiedliche Weise nutzen. Es gibt dort ein Puppentheater, einige Trachtenvereine, Probenräume für Musiker, eine Künstlervereinigung und einen Montessori-Kindergarten. Und Münchens einzigen international bekannten Club für Underground-Hardcore und DIY-Konzertkultur: das Kafe Kult. Ein loses Team gestaltet das Programm. Geld verdient hier keiner, dafür Renommee. Das Booking ist international, und manch US-amerikanische Hardcore-Band würde in München keinen Tourstopp einlegen, gäbe es nicht das Kafe Kult. Die Friends of Gas haben an diesem Ort ihr erstes Album aufgenommen. „Wir haben dort während einer Woche auf engstem Raum gelebt. Das hat der Musik sehr gutgetan“, sagte Nina Walser, die Sängerin der Friends of Gas, in der taz. Mittlerweile spielen die Friends of Gas längst auch in größeren Hallen. Trotzdem sind sie nach wie vor ein gutes Beispiel für musikalische Subkultur. Weil sie wachsen konnten – frei von kommerziellen Zwängen.

Freiraumzeit
Was alles kann Freiraum sein oder noch werden – und für wen? Green City Projekt unterstützt die Landeshauptstadt München bei der Umsetzung der Öffentlichkeitsbeteiligung der langfristigen Freiraumentwicklung in München. Mehr Infos gibt es hier

Freizeitoase mitten in der Stadt
Green City e.V. setzt sich dafür ein, dass Freiräume erhalten bleiben. Ein Beispiel ist der Giesinger Grünspitz, der allen Bürgerinnen und Bürgern kostenlos zur Verfügung steht. Auch Bands treten dort auf.

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