Green City Life

Urban Farming

Für Landwirtschaft gibt es in der Stadt viel zu wenig Platz. Können moderne Techniken beim Urban Farming unsere Metropolen zu Selbstversorgern machen?

Wäre das schön: Ein Sommermorgen in einer deutschen Großstadt, der Hahn kräht, zum Frühstück gibt es frische Eier von Hühnern, die im begrünten Hinterhof scharren. Die Marmelade stammt aus der eigenen Erdbeerernte, die Kresse auf der Vollkornschnitte aus eigenem Anbau. Vor der Arbeit wässern die Hausbewohner die Gemüsebeete, von denen es in der Stadt jede Menge gibt: in Grünanlagen, in Vorgärten, selbst auf den Dächern.

Können sich Städte selbst versorgen, total regional und obendrein noch bio? Mit konventionellen Beeten unter freiem Himmel ist das nicht zu schaffen, dafür gibt es nicht genügend Flächen. Die Ernte aus Hochbeeten oder Gemeinschaftsgärten reicht nur für den Eigenbedarf. Neben Platzmangel ein weiteres Problem von Städten: die Verschmutzung von Luft und Boden. „Der Boden in der Stadt ist oft vorbelastet und eignet sich nicht unbedingt für Gemüsebeete. Und in der Nähe von Straßen ist Gemüseanbau wegen der Feinstaubbelastung nicht möglich“, erklärt Irene Nitsch, Expertin für urbanes Gärtnern bei Green City. „Deswegen sind wir froh, dass uns die Stadt München in Grünanlagen Flächen für Gemeinschaftsgärten zur Verfügung stellt, wo die Feinstaubkonzentration um ein Vielfaches geringer und unbedenklich für den Gemüse- und Obstanbau ist.“

Komplett frei von Umweltgiften sind hingegen jene Sprossen und Salate, die in alten Bunkern tief unter den Straßen Londons wachsen. Klingt absurd, sind Pflanzen doch kleine Solarkraftwerke, die Sonnenlicht in Biomasse verwandeln. Unterirdisch funktioniert das dank der sparsamen LED-Technologie. Die soll das Wachstum sogar besser fördern als die echte Sonne. Die Wellenlänge des Lichts lässt sich an die Bedürfnisse vieler Pflanzenarten anpassen, schlechtes Wetter fällt weg. Bis zu 40 Prozent mehr Wachstum sollen möglich sein.

Zahlreiche Vorteile

Zudem können die Pflanzen einzeln angestrahlt werden, sodass sie sich platzsparend in Regalen übereinander ziehen lassen. Bei dieser Hydroponik genannten Technik wachsen die Pflanzen nicht in Mutterboden, sondern in mit Nährstoffen angereichertem Wasser. Weitere Vorteile dieser Methode: 70 Prozent weniger Wasserverbrauch als in der konventionellen Landwirtschaft, weniger Düngemittel und kein Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln.

Eine ebenfalls ausgeklügelte Technik setzt das Start-up ECF (Eco Friendly Farming) seit 2014 auf einem ehemaligen Brauereigelände in Berlin ein. ECF kombiniert Fischaufzucht und Gemüseanbau zur sogenannten Aquaponik. In den Gewächshäusern werden Fische in einem geschlossenen Wasserkreislauf aufgezogen. Das Wasser wird durch die Ausscheidungen der Tiere mit Nährstoffen angereichert und dann in die Gewächshäuser geleitet, in denen zurzeit Basilikum wächst. Das Kondenswasser wird zusammen mit Regenwasser gesammelt und fließt wieder in die Fischbecken. 30 Tonnen Fisch und 35 Tonnen Gemüse kann ECF pro Jahr auf diese Weise in Berlin produzieren. Der Verkauf dieses Ertrags ist aber nicht das Hauptgeschäft von ECF. Das besteht vielmehr in der Beratung und Planung ähnlicher Anlagen in ganz Europa.

Trotzdem sind Experten skeptisch: „Um Salat in Hydrokulturen mit Kunstlicht heranzuziehen und ganzjährig Gewächshäuser zu beheizen, ist die Energiebilanz verheerend. Es kommt natürlich darauf an, wo die Energie für diese Anlagen herkommt. Wenn wir die Energiewende geschafft und regenerative Energie im Überfluss haben, dann gerne“, bewertet Dr. Dirk Zimmermann, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, den Trend. Das Team von ECF setzt deshalb auf Fotovoltaik und Abwärmenutzung, um den Energieverbrauch in Grenzen zu halten. Im Hinblick auf die großen Sattmacher werden Urban Farms aber nur eine kleine Rolle spielen, glaubt Prof. Dr. Matin Qaim, der an der Universität Göttingen das Department für Agrarökonomie und rurale Entwicklung leitet: „Ich halte das Potenzial für sehr begrenzt. Salat oder Gemüse in Aquakulturen benötigen wenig Fläche, aber Getreide, Hülsen- oder Wurzelfrüchte brauchen Platz. Diese stärkehaltigen Grundnahrungsmittel wird man nicht in großem Stil in Städten produzieren können.“

Wenn Urban Farming die großen Ernährungsprobleme nicht lösen kann, dann vielleicht die kleinen? Wie zum Beispiel frische Kräuter und Salat im Winter, nicht importiert, sondern regional und bio? Der Biotechnologiestudent Henrik Jobczyk hat zusammen mit seinem Partner Maximilian Richter ein Konzept entwickelt, mit dem sich Verbraucher voraussichtlich ab 2019 ein Indoorgewächshaus in ihre Küchen holen können: „Wir haben uns gefragt: Können wir die neuen Techniken so vereinfachen, dass sie ohne Aufwand und großes Vorwissen auch zuhause funktionieren?“ Herausgekommen ist neoFarms, ein kühlschrankgroßer Kasten, in dem auf bis zu acht Ebenen Blattpflanzen gezogen werden.

Die Technik haben sich die Gründer von neoFarms bei der NASA abgeschaut: Bei der sogenannten Aeroponik werden die Wurzeln mit nährstoffreichem Wassernebel umsprüht. Im Weltraum spart das Gewicht, in der Küche verhindert es böse Überschwemmungen. Gesteuert wird das Ganze per Handy-App, im Urlaub kann das System so heruntergeregelt werden, dass die Pflanzen langsamer wachsen und erst pünktlich zur Rückkehr reif zur Ernte sind. Ist unglaublich praktisch, hat nur einen Haken: Der gemeinsame Spaß beim Gärtnern mit den Nachbarn fällt aus.

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