Green City Life

Wandel durch Handel

Lust an Mode und Lifestyle ohne schlechtes Gewissen – geht das überhaupt? Eine Shoppingtour mit Green City Life.

Gute Stöffchen

ThokkThokk: T-Shirts & Druck
Wenn Vinzenz Johow und Florian Wegerer einen Blick aus dem Fenster ihres Arbeitsplatzes werfen, erhebt sich vor ihnen der Kunstpark Ost im Münchner Osten – einst Hort kreativer Subkultur, heute Ballermann für Partygäste aus dem Umland. Dort fing vor zehn Jahren alles an, als der Schreiner und Möbeldesigner Johow sein Label gründete. Die Idee: minimalistisches Design auf umweltfreundlich produzierten und fair gehandelten Stoffen. Damals war es schwierig, einen Biobaumwollproduzenten zu finden, der die T-Shirts außerdem unter fairen Bedingungen schneidert. Johow wurde in Indien fündig. Ein zertifiziertes Unternehmen liefert die T-Shirts, die ThokkThokk mit Entwürfen von Künstlern oder eigenen Designs bedruckt – von Hand, im aufwendigen Siebdruckverfahren und in kleinen Auflagen.

Das Handwerk ist das Markenzeichen des sehr erfolgreichen Labels. „Unsere Kunden sind Individuen“, sagt Wegerer. Rein modisch scheint das T-Shirt ein beliebiges Kleidungsstück zu sein. Dabei eignet es sich besonders gut, um Botschaften zu platzieren – sei es die Lieblingsband oder die eigene Lebenseinstellung. Ihrem Ansatz sind sie über all die Jahre treu geblieben – auch wenn ThokkThokk wegen der in München grassierenden Gentrifizierung mehrfach umziehen musste, bevor es im städtischen Gewerbehof einen sicheren Hafen fand.

Dort entstehen nun all die T-Shirts, die in ausgesuchten Boutiquen in fast allen deutschen Großstädten und auch online zu kaufen sind. „Man muss in Bewegung bleiben“, sagt Johow und lacht. ThokkThokk, Haager Straße 9, 81671 München, thokkthokkmarket.com

Taschen mit Format

Kathrin Heubeck: Taschen
Von wegen Accessoire. „Eine Tasche ist etwas ganz Persönliches. Ein Begleiter in allen Lebenslagen“, sagt Kathrin Heubeck. Deshalb haben alle Leute, die in der Ladenwerkstatt in der Münchner Ehrengutstraße eine Ledertasche kaufen, ein Mitspracherecht, was das Innenleben der Taschen betrifft. Die äußere Erscheinung ist für Kathrin Heubeck nicht verhandelbar: kein Chichi, zeitlos schlichtes Design und nur das beste Material. Das Leder, aus dem sie die Taschen fertigt, kommt aus dem Allgäu und ist ausschließlich mit pflanzlichen Stoffen wie Wurzeln, Rinde oder Rhabarber gegerbt. Ein echtes Naturprodukt.

Die meisten wissen nämlich gar nicht, dass herkömmliches Leder mit dem Schwermetall Chrom behandelt und oft mit Plastik überzogen wird, weshalb es eigentlich auf dem Sondermüll entsorgt werden müsste. Kathrin Heubeck schüttelt sich: „Wir essen Bio, hüllen uns aber in widerliche Kleidung.“ Für sie ist auch der ethische Aspekt wichtig. Wer mit den Händen über die festen Lederhäute auf ihrem Arbeitstisch streicht, kann sich gut vorstellen, dass die Rinder ein gutes Leben hatten.

Neben dem Ökoleder von Tieren aus biologischer Haltung sind es die besondere Haptik und das Design, die die Kundinnen in das Ladenatelier locken. Viele von ihnen kommen mehrmals, überlegen, probieren und posieren vor dem großen Spiegel am Eingang. Denn die handgemachten Taschen haben ihren Preis. Kathrin findet es gut, wenn man sich ihre Tasche zweimal überlegt, denn mit „Konsum to go“ hat die 43-jährige Architektin nichts am Hut. Tatsächlich entwirft sie ihre Taschen so, wie sie früher Häuser entworfen hat. „Das dreidimensionale Denken hilft mir enorm“, sagt Heubeck. Der entscheidende Unterschied ist das Handwerk. Zeichnen, schneiden, bauen – das machen Architekten heute alle am Computer.

Auch weil sie die handwerkliche Arbeit so vermisst hat, ist Kathrin Heubeck auf die Taschen gekommen. Das dicke Leder schneiden, nähen, stanzen und dabei auf keinen Fall einen Fehler machen, sonst ist die Tasche ruiniert. „Es ist immer ein Glücksgefühl, wenn eine Tasche fertig ist und ich sie betasten und beschnuppern kann.“ Ein guter Geruch – nach Natur und Handwerk. Kathrin Heubeck, Ehrengutstraße 5, 80337 München, kathrinheubeck.com

Lebenslang

Skusa: Schmuck
“Es ist ein ziemlich schmutziges Geschäft“, sagt Judith Lorenz, grinst und schraubt den Deckel von einer großen weißen Dose. Darin befinden sich grober grauer Staub und ein paar größere Metallstückchen. Was jeder Laie unbesehen in den Müll kippen würde, ist in Wirklichkeit ziemlich wertvoll. Es handelt sich um Altgold, aus dem Judith Lorenz filigranen Schmuck schmiedet. Ihre Spezialität sind Eheringe. Die 37-jährige Goldschmiedemeis- terin ist viel „in der Hochzeitswelt“ unterwegs, wie sie das nennt. Es ist nicht die Welt des schnellen und unreflektierten Wegwerfkonsums. Schließlich wollen die Paare, die in die kleine mit Rosen bewachsene Hinterhofwerkstatt zur Beratung kommen, den Bund fürs Leben eingehen.

Dabei erklärt Judith Lorenz auch, dass man auf Wunsch alte Schmuckstücke oder geliebte, aber ungenutzte Familienerbstücke für die eigenen Eheringe recyceln und in eine neue Form bringen kann. Viele finden es besonders romantisch, wenn in das Zeichen ihrer Liebe auch ein bisschen Familien-geschichte einfließt. Außerdem spart das Geld. Für die Goldschmiedin ist es außerdem die einzig rentable Lösung, um ihrem Anspruch an „gutes Gold“ gerecht zu werden.

Schon auf der Meisterschule war die frühere Lehrerin für Mathematik und Betriebswirtschaftslehre zunehmend von Zweifeln geplagt, was die Gewinnung des Edelmetalls betrifft. Bilder von Minenarbeitern, die barfuß in dreckigen Pfützen stehen oder ihre verätzten Hände in die Kamera halten, gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Denn die Gewinnung von Gold ist meist eine giftige Angelegenheit. Das heißt natürlich nicht, dass die alten Schmuckstücke auf bessere Art und Weise gewonnen wurden. Aber muss Opas Siegelring deshalb für alle Zeiten in der Schatulle verstauben? „Schmuck ist dankbar“, sagte Judith Lorenz. Und sie selbst ist auch dankbar dafür, mit einem Material arbeiten zu können, das so hart und doch so weich ist und nicht an Wert verliert. Skusa Schmuckgeschichten, Klenzestraße 45/im Hof, 80469 München, skusaschmuck.de

Günstige Gelegenheit

DearGoods: Mode und Lifestyle
Gut Ding will Weile haben. Für DearGoods gilt dieses Sprichwort nicht. Im Jahr 2012 eröffnete Nicole Noli in der Münchner Baldestraße einen Laden mit Mode- und Lifestyle-Artikeln. Ihr Anspruch: Die Waren sollen gut für Mensch, Tier und Umwelt sein. Seitdem sind vier Jahre vergangen, in denen DearGoods drei Shops in München und einen in Berlin aufgemacht hat, demnächst folgt ein weiterer in Augsburg. „Natürlich ist das Business, ganz klar“, sagt Nicole Noli und hebt ihren neugeborenen Sohn aus dem Kinderwagen.

Noli, 40 Jahre alt und ehemalige Projektassistentin, ist nicht der Typ, der idealistisch klingende Wortgirlanden um ihr Geschäftsmodell windet. Handel sei eine uralte menschliche Errungenschaft. Nur seien „Gier und die Ausbeutung“ völlig aus dem Ruder gelaufen. Sie will mit ihren Geschäften, in denen es nicht nur Klamotten, sondern auch vegane Kondome, Gürtel aus Fahrradschläuchen und Boxershorts aus Bambusfasern gibt, wieder „Vernunft ins System“ bringen. Wandel durch Handel gewissermaßen.

Dass sie mal in der Modebranche landen würde, war wie so vieles in Nicole Nolis Leben nicht geplant. Eigentlich wollte sie ein Café mit schönen Dingen eröffnen, stieß aber bei der Recherche auf so viele innovative nachhaltige Ideen, dass sie sich spontan anders entschied. „Das hat sich so ergeben. Ich glaube an Energie und Begegnungen“, erklärt sie. Mittlerweile hat sie zehn Angestellte. Aber auch sie selbst ist nach wie vor rund um die Uhr für ihr kleines Modeimperium im Einsatz. Sie ist ein Controlfreak und gleichzeitig das Gegenteil davon. Deshalb hat sie immer noch kein computergesteuertes Warensystem im Einsatz, sondern behält lieber selbst Überblick über Bestände und Bestellungen. Das klappt gut, auch wenn viele Kollegen den Kopf schütteln. Was, wenn sie bestohlen wird? Für Noli kein Thema, denn die wichtigste Währung im Geschäft mit guten Dingen ist ihrer Meinung nach Vertrauen – in jeder Hinsicht. DearGoods, Am Glockenbach 12, 80337 München, deargoods.com

Das grüne Amazon

Avocado Store: die Plattform
Dass grüner Lifestyle auch jenseits des Kühlschranks möglich, diese Erkenntnis ist noch nicht wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Das ist ein langer Weg“, sagt Miriam Sewalski. Die 36-Jährige muss es wissen. Sie gehört zu den Gründern des Onlineshops Avocado Store, wo sie seit 2013 die Geschäfte führt. Die Onlineplattform mit Sitz in Hamburg gibt es seit sechs Jahren. Sie vertreibt über 100.000 Produkte von über 500 Händlern an durchschnittlich 70.000 Kunden. Was für eine Erfolgsgeschichte: Vor zehn Jahren war coole und fair produzierte Biokleidung noch eine Sache der Subkultur. Heute ist grüner Lifestyle zwar noch nicht Mainstream, aber durchaus ein echter Trend, was nicht zuletzt Plattformen wie Avocado Store zu verdanken ist. Schließlich hat dieser es kleinen Händlern ermöglicht, ihre nachhaltig produzierten Klamotten, Möbel und Accessoires mit Gewinn deutschlandweit zu vertreiben.

„Die digitale Entwicklung und nachhaltige Konsumgüter begünstigen sich. Es stimmt eben nicht notwendigerweise, dass Onlineshops kleine Läden kaputt machen“, sagt Sewalski. Die studierte Soziologin und Kriminologin, die früher bei einer Werbeagentur gearbeitet hat, engagiert sich seit Langem für grüne Themen und saust nach Feierabend mit dem Elektroroller zu ihrem Gemüsegarten. Klar macht sie sich auch Gedanken über den Zusammenhang von Wachstum und Nachhaltigkeit. „Die Angst ist berechtigt. Natürlich ist der beste Konsum kein Konsum.“ Aber als Dogma taugt diese Einstellung ihrer Meinung nach nicht. Stattdessen solle sich der bewusste Konsument fragen, woher das Produkt stamme und ob er das auch wirklich brauche. Wer letztere Frage bejaht, der kann zu den grünen Alternativen greifen: „Es tut nicht weh, besser zu konsumieren.“ avocadostore.de

Zweite Liebe

Secondhandstores
2.000 Liter – ungefähr so viel Wasser wird verbraucht, um die Baumwolle für ein einziges T-Shirt zu produzieren. Ganz zu schweigen von der Energie und den Pestiziden, die beim Anbau von Baumwolle zum Einsatz kommen. Deshalb ist es wichtig, beim Shoppen auf die nachhaltige Produktion von Textilien zu achten. Oder sich gleich auf die Suche nach Secondhandmode zu machen. Überall in
Deutschland gibt es Secondhandboutiquen, in München zum Beispiel Vintys in der Landsberger Straße 14. Auch auf Flohmärkten oder Kleidertauschbörsen lassen sich super Schnäppchen machen. Zwar weiß man vorher nie, was man findet, dafür macht es umso mehr Spaß, wenn man ein vormals sündteures Designerteil ergattert.

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Ohne Kompromisse, mit Liebe zum Detail entstehen Designshirts
Vintys München
Kleidertausch Parties

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