Green City Life

Wir e.G.

Wohnraum in deutschen Großstädten können sich Normalverdiener kaum noch leisten. Deshalb tun sich immer mehr Menschen in Genossenschaften zusammen und nehmen das Problem selbst in die Hand.

Noch ist der Ort, wo sich Gesa Mayers Traum vom solidarischen und bunten Leben in der Stadt erfüllen soll, eine Brache. Aufgewühlte Erde, Schienengewirr, Bagger. Aber wenn alles glatt läuft, entsteht auf dem alten Bahngelände mitten im Hamburger Stadtteil Altona in den kommenden zwei Jahren das Haus der Baugemeinschaft „möwe.altonah“.

Ein Haus mit 25 Wohnungen und ein Zuhause für die rund 50 Mitglieder und 30 Kinder, von denen viele in der teuren Hansestadt nur noch schwer eine passende Bleibe gefunden hätten: große Wohngemeinschaften, Senioren, Familien mit kleinen Kindern und Menschen mit Behinderung. „Wir haben ganz bewusst ein Haus für verschiedene Lebensentwürfe geplant“, sagt Gesa Mayer.

Für dieses Haus hat die möwe.altonah in den vergangenen Jahren viel investiert. Nicht nur Geld, sondern auch viel Arbeit und Zeit. Mehrmals die Woche treffen die Arbeitsgemeinschaften zusammen, und am Wochenende ist Plenum, der große Kreis aller Mitglieder.

Dort werden alle wichtigen Entscheidungen getroffen – und zwar einvernehmlich. Das ist nicht einfach, aber es klappt erstaunlich gut. Schließlich haben alle ein Ziel vor Augen: „Ein Zuhause, das wir selbstbestimmt verwalten können, das der Genossenschaft und damit allen gehört.“ Der Wohnraum ist für Gesa Mayer längst nicht alles: „Auf der menschlichen Ebene ist die Gemeinschaft wirklich ein Quell der Freude.“ Die Genossen haben sich gefunden. Sie verstehen sich gut, unterstützen sich gegenseitig und lernen viel voneinander.

Der soziale Mehrwert

Es ist dieser soziale Mehrwert, der Genossenschaften in den vergangenen Jahren neue Popularität beschert hat. Dabei gibt es Genossenschaften schon seit über hundert Jahren. Die Absicht hinter der Gesellschaftsform mit dem Kürzel „e.G.“ ist damals wie heute dieselbe: Gleichgesinnte schließen sich zusammen, um etwas zu erreichen, was alleine nicht zu schaffen wäre – egal ob es sich um Wohnraum, regenerative Energie oder solidarische Landwirtschaft handelt.

Die tragende Säule einer Genossenschaft ist das Identitätsprinzip. Das bedeutet, dass die Mitglieder in der Regel zugleich Eigentümer, Geschäftspartner und Kunden ihrer Genossenschaft sind. Mitgliedschaft bedeutet Stimmrecht – unabhängig von der Höhe des finanziellen Anteils. Mehr Geld bedeutet also nicht mehr Einfluss. Genossenschaften müssen wie jedes Unternehmen ordentlich wirtschaften. Dabei geht es aber nie um den größtmöglichen Gewinn, sondern um den größtmöglichen Nutzen für die Mitglieder. „Der Fokus aufs Gemeinwohl ist eine völlig andere Denke“, sagt Christian Stupka, Gründer der jungen Münchner Genossenschaft „Wogeno“ und Vorstand der „Gima“, einem Zusammenschluss von mittlerweile 22 Münchner Wohngenossenschaften. Die Münchner Wohnungsgenossenschaften florieren – auch dank politischer Unterstützung durch die Stadt, die Baugrund zur Verfügung stellt und im Gegenzug eine „soziale Rendite“ erhält: bezahlbaren Wohnraum und eine Bremse für Immobilienspekulationen und den Aufwertungsprozess namens Gentrifizierung. Quidproquo.

Für Stupka ist Solidarität nicht irgendetwas Gefühliges, sondern das Ergebnis einer rationalen Kosten-Nutzen-Rechnung: „Solidarisches Handeln ist einfach intelligent.“

Solidarität ist auch die tragende Säule von „Bellevue di Monaco“. Die ursprünglich eher anarchisch agierende Initiative aus Künstlern und Aktivisten, die mit ihrem Engagement auf kreative Weise auf Miss- beziehungsweise Leerstände in der Stadt aufmerksam machte, ist seit einem Jahr eine Sozialgenossenschaft. Diese wird der Träger für das Willkommenszentrum für Münchner und geflüchtete Menschen sein, das in den von Bellevue geretteten drei sanierungsbedürftigen Häusern im schicken Münchner Gärtnerplatzviertel entstehen soll.
Dass diese „freundliche Übernahme“ schlussendlich geklappt hat, ist ein kleines Wunder. Denn hier war Durchhaltevermögen gefragt. Zunächst reagierte die Stadt gar nicht begeistert auf die medienwirksam inszenierten Aktionen der Aktivisten. Offenbarten diese doch, wie weit politische Absichten und die Umsetzung durch die Stadtverwaltung oft auseinander liegen. Aber die im Kern konstruktive Herangehensweise der Aktivisten und die große Anteilnahme der Stadtgesellschaft überzeugten schließlich auch die Kommunalpolitiker von der Notwendigkeit eines „Bellevue di Monaco“ und so siegte schlussendlich das bürgerschaftliche Engagement.

Mitspracherecht für alle

Um das Projekt zu finanzieren und zu organisieren, war es die beste aller Möglichkeiten, eine Sozialgenossenschaft zu gründen, wie Matthias Weinzierl, Vorstand der Genossenschaft und Mitglied des Bayerischen Flüchtlingsrats, erzählt. „In einer Genossenschaft hat jeder ein Mitspracherecht. Und unsere mittlerweile 500 Mitglieder sind sehr diskussionsfreudig.“ Weinzierl ist klar, dass die Diskussionen mit Fortschreiten des Projekts hitziger werden. Noch ist der Bellevue-Vorstand voller Optimismus. Wie solidarisch die Sozialgenossen bei Meinungsverschiedenheiten oder Schwierigkeiten dann wirklich sind, wird sich zeigen.

Letztlich gibt es Genossenschaften ja zu jedem Thema, das genug Leute betrifft, sei das nun Wohnraum, Energie oder Landwirtschaftsproduktion. Über allem steht immer die Frage, ob der Nutzen des Einzelnen dabei nicht in einem Spannungsverhältnis zum Wohl der Vielen steht. Daniel Überall, Vorstand der Münchner Genossenschaft „Kartoffelkombinat“, mag hier keinen Gegensatz erkennen. „Eigennutz und altruistisches Bemühen sind zwei Seiten einer Medaille. Unsere Mitglieder wissen, dass in unserem System vieles falsch läuft. Sie wollen auch für sich selbst einen besseren Weg gehen“, erklärt er. Ziel des Kombinats ist es, die herkömmlichen Strukturen zu ändern, in denen Lebensmittel produziert und vertrieben werden. Lokale Erzeuger von Lebensmitteln erhalten Abnahmegarantien und werden direkt für ihr Brot oder Gemüse bezahlt – ohne Vermarktungsdruck und ohne Zwischenhändler. Mit den 800 Münchner Haushalten, die das Kombinat mit Lebensmitteln aus der Region versorgt, sieht Überall das Projekt noch am Anfang. Eine echte Marktmacht wären sie ab 40.000 Haushalten, hat er berechnet. Es geht also gerade erst los.

Aber eine Genossenschaft kann auch scheitern. „Sobald die Genossen Wohnungen haben, ist die Bereitschaft zu bauen naturgemäß geringer und es droht Stillstand“, weiß Christian Stupka von der Wogeno. Dort haben sie deshalb das „dynamische Prinzip“ eingebaut, nach dem der Anteil der Mitglieder ohne Wohnungen immer größer ist als der von Genossen mit Genossenschaftswohnungen.

Auch Daniel Überall vom Kartoffelkombinat fragt sich, was passiert, wenn die Ernte schlecht ist, die Genossen aber trotzdem zahlen müssen. Dann wäre Solidarität gefragt. Noch musste das Kombinat diese Feuerprobe nicht bestehen, doch wenn viele Mitglieder gleichzeitig ihre Anteile aus dem Unternehmen ziehen, ist die Genossenschaft am Ende. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt: neue Freunde, hilfsbereite Nachbarn, wertvolle Erfahrungen, frische Ideen und die Gewissheit, dass man sich nicht abfinden muss mit allem, was ist.

Weitere Informationen

Das Kartoffelkombinat
Die Baugemeinschaft Möwe Altonah

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